Der Formel-1-Mechaniker, seine große Liebe und deren Freund

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Boxenstopp für einen Kuss (Racing Love-Reihe Teil 2)

 

Racing Love – die Serie mit Herz und Happy-End!

Thimo – Mechaniker bei Amber Heart Racing – ist seit Jahren unsterblich in Greta verliebt. Die selbstbewusste Greta wünscht sich nichts sehnlicher, als aus ihrer losen Affäre mit Marc mehr werden zu lassen. Dumm nur, dass Marc Thimos Bruder ist und Greta sich ausgerechnet bei Thimo Rat holen will.
Es kommt wie es kommen muss: Thimo gesteht ihr seine Gefühle und setzt damit die Freundschaft zu Greta und die Beziehung zu seinem Bruder aufs Spiel. Doch was passiert, wenn die Anziehungskraft zwischen Thimo und Greta gar nicht so einseitig ist, wie es erst den Anschein hat?

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Leseprobe

Prolog
Freitag, 20. Juli 2012

Dieses Mädchen besaß das schönste Lachen, das er jemals gehört und gesehen hatte. Das glucksende Geräusch, das aus der Tiefe ihrer Seele zu kommen schien, und die Unbeschwertheit, mit der sie den Kopf in den Nacken legte, berührten etwas in seinem Inneren. Er wurde an eine Zeit erinnert, in der er genauso sorglos gewesen war, bevor das Leben kompliziert geworden war.

Außerdem erfüllte es ihn auf gewisse Weise mit Stolz, dieses Lachen durch etwas verursacht zu wissen, was er gesagt hatte.

Die Musikkapelle stimmte das nächste Lied an. Die blechernen Blasinstrumente würden ein weiteres Gespräch in dem riesigen Plastikzelt schwierig machen. Musste er tatsächlich wieder mehrere Minuten warten, bevor er sich weiter mit ihr unterhalten konnte?

Sie deutete auf sein leeres Glas und sah ihn fragend an. Er nickte, woraufhin sie aufstand und zur Bar ging, um Nachschub zu holen. Thimo sah ihr nach. Das grau-rosafarbene Dirndl umschmeichelte ihre Figur. Ihre brünetten Haare waren zu einem Knoten geflochten. Wie es wohl aussehen würde, wenn sie ihr offen über den Rücken flossen?

Thimo spürte die Blicke der Gruppe von Männern in der Nähe. Einer von ihnen wirkte besonders wütend. Ob er mal mit der jungen Frau zusammen gewesen war? Seit ein paar Minuten war sie ganz offensichtlich an Thimo interessiert. Sollten die Kerle also ruhig überlegen, wie er es geschafft hatte, ihnen dieses wundervolle Mädchen vor der Nase wegzuschnappen.

„Gut, dass du uns zu diesem Fest geschleppt hast“, rief ein junger Mann mit bayerischem Akzent seinen Kumpels am Nebentisch zu. „Diese Kirmes ist super.“

Sie stießen mit ihren Biergläsern an, lachten und schäkerten mit jeder vorbeikommenden Frau. Mit jedem Schluck Alkohol wurden ihre Witze zotiger. Die Einheimischen warfen ihnen bereits ungehaltene Blicke zu.

Kirmes! Ob Thimo die Männer darauf hinweisen sollte, dass dieses Fest in Österreich Kirtag hieß? Vermutlich würden sie es nicht gut aufnehmen, wenn er ihnen erklärte, dass sie den falschen Begriff verwendeten. Es wäre ihnen wohl auch egal, wenn sie bei solchen Ausdrücken schief angeschaut würden. Hauptsache, man amüsierte sich.

Auf den Heurigenbänken um ihn herum saßen Gäste unterschiedlichen Alters. Es wurde gelacht und über die Tische hinweg gerufen, um die Musik zu übertönen. Eine Welt, die ihm als waschechtem Wiener völlig fremd war. Doch er war froh, an diesem Freitagabend nicht mit seinem Bruder und ihren Kumpels in die zwielichtige Bar gefahren zu sein. Und noch glücklicher schätzte er sich, weil das wunderschönste Mädchen hier, das mit einem Tablett voller Biergläser bei ihm vorbeigekommen war, ihn mit einem Schwall Bier übergossen hatte.

Sein Shirt klebte an seinem Oberkörper. Der Geruch hatte sich bis in sein Gehirn vorgekämpft. Die Feuchtigkeit ließ ihn trotz der Wärme hier drinnen frösteln. Doch das Missgeschick hatte die hübsche Kellnerin dazu gebracht, zu ihm zurückzukehren und sich einfach neben ihn zu setzen.

Sie kam mit zwei Gläsern gespritztem Almdudler zurück und ließ sich wieder neben ihn fallen.

„Danke dir.“ Er lächelte ihr zu, griff nach einem Glas und prostete ihr zu. „Wie heißt du eigentlich?“, erkundigte er sich nach einem großen Schluck.

„Greta. Und du?“

„Thimo. Sehr erfreut, Greta. Wohnst du hier in Neunbach?“

Sie nickte. „Und du bist wohl nur auf der Durchreise …“

„Mit meinem Bruder und ein paar Freunden, ja. Wir wollen morgen rauf auf den Neunbachpass.“

„Da habt ihr euch aber was vorgenommen. Seid ihr für so einen Anstieg ausgerüstet?“ Das Glas in ihren Händen drehend, sah sie ihn mit einem ernsten Ausdruck in den Augen an.

„Machst du dir etwa Sorgen um mich?“, fragte er grinsend.

„Jedes Jahr gibt es Touristen, die glauben, diese Tour mit Sneakers und Ausrüstung aus dem Discounter durchzustehen. Mein Vater arbeitet bei der Bergrettung. Er setzt sein Leben aufs Spiel, weil diese ahnungslosen …“ Sie stockte und holte tief Luft. „Tut mir leid, ist ja deine Entscheidung.“

„Mein Bruder ist Profisportler. Wir wissen, was wir tun. Keine Sorge. Aber wenn du möchtest, komme ich am Sonntag vor unserer Abreise noch einmal hier vorbei, damit du dich davon überzeugen kannst, dass ich wohlauf bin.“

Endlich kehrte ihr Lächeln zurück. „Nur zu meiner Beruhigung besuchst du mich noch einmal?“

Er nickte. „Klar. Ich kann doch nicht zulassen, dass du Albträume von Unfällen hast, die uns zugestoßen sein könnten.“

„Um sechs Uhr endet das Fest. Wenn ihr es vorher schafft …“

Dass sie den Vorschlag nicht rundheraus ablehnte, schenkte ihm Hoffnung, sie könne ihn ganz nett finden. Mit ihr schien das Flirten viel einfacher als sonst zu sein. Sein Bruder war der Aufreißer in der Familie. Thimo dagegen brachte in der Gegenwart von hübschen Frauen selten einen flotten Spruch über die Lippen.

„Perfekt. Ich werde dafür sorgen“, versprach er.

Sie schien erfreut. „Nur damit ich sicher sein kann, dass ihr okay seid.“

„Ja, klar. Du kannst ruhig zugeben, wenn du mich wiedersehen willst.“

„Ich …“ Ihre Wangen röteten sich.

Wie süß! Hatte er sie etwa sprachlos gemacht? Er gefiel ihr wohl tatsächlich. Er konnte sein Glück kaum fassen. „Bist du hin und wieder in Wien?“

Bedauern zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Ich komme nicht besonders oft dazu. Eine Cousine von mir wohnt dort. Ich besuche sie alle paar Monate. Aber ich habe mehrere Jobs, damit ich mir bald eine Wohnung leisten kann.“

Er hatte ihr quirliges Auftreten gesehen und gedacht, ihr Leben wäre einfach. Sie wirkte dennoch nicht unzufrieden. „Ich könnte dir meine Adresse geben, damit du …“

„Ich finde dich nett, aber ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Wieso nicht? Hast du einen Freund?“

Sie lachte auf. „Nein. Denkst du, sonst würde ich hier mit dir sitzen und flirten?“

„Du flirtest mit mir? Dann bist du ganz offensichtlich genauso schlecht darin wie ich“, zog er sie auf.

Ihre Augen funkelten. „Ist es zu spät, es besser zu machen?“

„Ich habe den Rest des Abends Zeit. Vielleicht üben wir zusammen.“ Er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Eigentlich glaubte er nicht an Liebe auf den ersten Blick. Aber so wie sein Herz gerade schlug …

„Eine tolle Idee. Eigentlich. Aber ich sollte zurück auf meinen Posten.“ Sie deutete rüber zur Getränkeausgabe. Zwei Tabletts warteten darauf, von einer der Kellnerinnen verteilt zu werden.

„Bestimmt hast du das Recht, kurz Pause zu machen.“

„Ich sitze schon eine Weile hier bei dir. Ich sollte den anderen jetzt wirklich wieder helfen.“

„Kommst du später noch einmal vorbei?“

Sie knabberte an ihrer Unterlippe. „Kannst du bis Mitternacht warten?“

„Für dich würde ich mich auch noch länger gedulden.“ Er versuchte sich an einem frechen Grinsen.

„Dann sehen wir uns später.“ Sie legte ihre Hand auf seine Schulter, als sie aufstand. Die Wärme ihrer Finger brannte sich durch den Stoff seines Shirts.

Gott, diese Frau war heiß. Irgendwie musste es ihm gelingen, sie näher kennenzulernen.

Es war ihm egal, wenn er morgen früh nicht aus dem Bett kommen sollte und ihm freche Kommentare von seinen Freunden drohten. Er würde ausharren, bis sie wieder Zeit für ihn hatte.

Die nächsten zwei Stunden beobachtete er, wie sie sich zwischen den Tischen hin und her bewegte, wie sie mit den Menschen plauderte und lachte. Immer, wenn sie zufällig in seine Richtung sah, machte sein Herz einen Hüpfer.

Nur einmal verlor sie ihre Fröhlichkeit. Sie unterhielt sich mit einem Mann, der während des Gesprächs am Band ihrer Schürze zog. Ihre Schleife befand sich links, was dieser Kerl als Aufforderung zu verstehen schien, sie belästigen zu dürfen. Nach einem finsteren Blick wandte sie sich einfach um und ging davon.

Als sie kurze Zeit später endlich an Thimos Tisch zurückkehrte, erkundigte er sich nach dem Vorfall. Zuerst wiegelte sie ab, bevor sie schließlich doch von den mehrdeutigen Angeboten des Mannes berichtete.

„Und zum Schluss sagt der Frechdachs, wenn ich mich auf seinen Schoß setzen würde, bekäme ich extra viel Trinkgeld“, schloss sie mit einem Lachen.

Ärger wallte in ihm hoch. „Wie unverschämt. Ich gehe gleich rüber zu ihm und werde ihm mal …“

Greta legte eine Hand auf seinen Unterarm. Sie kannten sich erst seit ein paar Stunden, aber es fühlte sich richtig an, dass sie ihm so nahe kam. „Schon okay. Das war noch einer der harmloseren Kommentare, die ich heute Abend gehört habe.“

„Männer sind Schweine“, sagte Thimo.

„Manchmal“, antwortete sie. „Aber ich bin froh, einem netten Kerl gegenüberzusitzen.“

„Du hast das Recht, mit Respekt behandelt zu werden. Es gibt nur Typen, die das gerne vergessen.“

„Vielleicht sind wir Frauen zum Teil selbst schuld. Schließlich können wir unsere Finger nicht von den bösen Jungs lassen. Wir sollten uns nicht wundern, wenn sie sich uns gegenüber manchmal grob verhalten.“

Er wusste nur zu genau, wovon sie sprach. Sein Bruder war einer dieser schlimmen Jungs. Marc war der Meinung, Frauen seien nur zu seinem Vergnügen auf dieser Welt. Er nahm sich, was er wollte und verschwand danach einfach wieder. Und dennoch waren die Frauen von seiner raubeinigen Art hin und weg.

Thimo hingegen wurde neben seinem Bruder kaum bemerkt. Dabei würde er sich selbst als einen der Guten bezeichnen. Der richtigen Frau würde er niemals einen Grund geben, an seiner Liebe zu zweifeln. Die richtige Frau …

„Ich bin ein Netter“, stellte er klar und suchte Gretas Blick. „Brav, aber nicht langweilig. Die ideale Mischung.“

„Soso. Vielleicht auch noch statistisch bewiesen? Hast du dafür extra Daten zusammengetragen?“

Er nickte und bemühte sich um eine ernste Miene. „Ich habe unzählige Frauen befragt. Deine Meinung werde ich auch auswerten. Das geht allerdings erst nach einem richtigen Date.“

„Solange will ich nicht warten.“

„Aber …“

Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn. Ihre Lippen berührten seine mit sanftem Druck. Dann lehnte sie sich wieder zurück, um ihm in die Augen zu schauen.

Perplex starrte er sie an. Der Kuss hatte ihn überrumpelt. Er war zu schnell vorbeigewesen. Gerade deshalb hatte Thimo noch nicht genug. Er legte ihr die Hände ums Gesicht, doch sie stand auf.

„Nicht hier.“ Sie zog ihn hoch.

Er hatte die Menschen vergessen, die mit ihnen im Zelt saßen. Sein Gesicht wurde heiß. Perplex stolperte er hinter ihr her.

„Ich habe unsere letzten Getränke noch nicht bezahlt“, erinnerte er sie.

„Darum kümmere ich mich morgen bei der Nachbesprechung. Jetzt komm mit.“

Sie verließen das Zelt und liefen dann ein paar Meter die Straße entlang, bis der Lärm nicht mehr zu ihnen drang. Im Schatten einer Wand blieb sie schließlich stehen. Links und rechts von der Straße parkten Autos, doch im Augenblick waren sie alleine. Das Licht der Straßenlaternen erfasste sie nicht, weshalb er hoffte, dass sie eine Zeit lang ungestört blieben.

Er drängte sie rückwärts, bis sie gegen die Mauer stieß, legte seine Hände um ihr Gesicht und knabberte an ihrer Unterlippe. Seine Zunge bahnte sich den Weg zwischen ihre Lippen. Sein Körper jubilierte, als sie den Mund leicht öffnete. Er genoss es, wie sie leise stöhnte, als ihre Zungen sich berührten, wie sie sich an ihn presste, um ihm noch näher zu sein.

Als ihre Hände über seinen Oberkörper strichen und alles in ihm darauf drängte, sie aus diesem verführerischen Dirndl zu bekommen, machte er einen Schritt zurück. Immer schön langsam. Er war schließlich ein Gentleman.

„Sag, dass du mich in Wien besuchen wirst. Vielleicht kannst du nächstes Wochenende kommen. Neunbach ist nur zwei Stunden von Wien entfernt. Wir könnten einen Tag zusammen verbringen, und ich zeige dir die Stadt. Wenn du magst, kann ich mich auch ins Auto setzen und herkommen.“

„Wir werden sehen.“ Sie zog seinen Kopf zu sich, um ihn zu küssen.

Seine Hände verselbstständigten sich und fuhren von ihrer Taille hoch. Knapp unter ihren Brüsten hielt er inne. Der Ausschnitt der Dirndlbluse hatte ihn bereits zuvor in Versuchung geführt. Er konnte das schnelle Klopfen ihres Herzens spüren, als er einen Arm hob und mit den Knöcheln über die zarte, entblößte Haut strich. Ihr Kuss wurde stürmischer.

„Warte, Greta“, bat er außer Atem, legte seine Wange an ihre. „Vielleicht sollten wir das nicht überhasten …“

Sie lachte. „Gott, bist du süß. Es ist in Ordnung. Ich will dich. Du scheinst mich auch zu wollen … oder täusche ich mich?“

Er starrte sie an und schüttelte den Kopf. Sollte sie wirklich vorschlagen, dass sie beide …? Ging das nicht zu schnell? Normalerweise führte er Frauen mehrmals aus, begnügte sich mit einem Gute-Nacht-Kuss zum Abschied, nahm sich Zeit, sein Gegenüber näher kennenzulernen. Bisher hatte er Zeit gebraucht, um eine Verbindung zu seinem Gegenüber aufzubauen. Aber Greta hatte ihn vom ersten Augenblick an in ihren Bann gezogen.

„Natürlich“, antwortete er schließlich. „Aber bist du dir wirklich sicher?“

Mit einem frechen Grinsen nickte sie. „Ich glaube, dass das zwischen uns nichts Fixes werden kann. Eine Fernbeziehung ist nicht mein Ding. Trotzdem fühle ich mich zu dir hingezogen. Warum also nicht ein wenig unbeschwert sein?“

„Warum sollten wir nicht zusammen sein, wenn wir uns mögen? Die Entfernung stellt kein echtes Problem dar. Ich kann dich besuchen. Und wenn wir merken, dass es nicht reicht, uns in unregelmäßigen Abständen zu sehen, könnte einer von uns umziehen. Lass uns doch einfach sehen, was passiert.“

Sie schüttelte den Kopf. Ihr Körper presste sich immer noch an ihn. „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Ich bin zwanzig, versuche mir gerade den Traum von einem eigenen Laden zu verwirklichen. Keine Ahnung, wohin mich der Wind treibt. Erst mal kann ich dir lediglich diese eine Nacht anbieten.“

Er wollte widersprechen, ihr sagen, dass es ihm nicht reichte, dass er sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte, dass sie die Richtige sein könnte. Stattdessen beugte er sich vor und küsste sie, versuchte ihr seine Gefühle mit einer sanften Berührung seiner Lippen mitzuteilen.

Greta vertiefte den Kuss viel zu schnell. Das Begehren ließ ihn seine Gegenargumente vergessen. Schließlich sah sie keuchend zu ihm auf. Ihre Pupillen geweitet, die Wangen gerötet.

„Wir haben nur ein wenig Spaß, okay? Keine Komplikationen, keine Ansprüche.“ Forschend betrachtete sie sein Gesicht.

Er nickte. Wenn es das war, was sie wollte, sollte sie es bekommen. Erst mal.

Sie küsste ihn neuerlich, drückte sich noch enger an ihn. „Dann lass uns von hier verschwinden“, murmelte sie atemlos an seinen Lippen.

„Ich wohne in einem Hotel hier ganz in der Nähe“, bot er schnell an.

„Wir sollen zu dir? Bedeutet das nicht schon mehr Komplikationen, als es sollte?“

„Das ist in Ordnung für mich … Verdammt! Meine Freunde könnten schon zurück in unserem gemeinsamen Zimmer sein.“ Gott sei Dank hatte er rechtzeitig daran gedacht.

Ihre Hand schob sich an seinem Rücken hinunter. Sie kniff ihn in den Po. „Zu schade. Was dann? Rückbank deines Autos?“

Sein Gehirn funktionierte offensichtlich nicht mehr so tadellos, wie es sollte. Es fiel ihm schwer, vernünftige Argumente zu finden, wenn das Blut in seinem Körper mit etwas anderem beschäftigt war. „Nein, ich bin zu Fuß hergekommen.“

„Du kannst nicht mit zu mir. Meine Familie hört, wenn ich nach Hause komme.“

Vielleicht wollte ihnen das Schicksal einen Wink geben. Möglicherweise sollten sie der Anziehungskraft zwischen sich eine Chance geben und sich mit ihrem spontan geplanten Vorhaben noch etwas Zeit lassen.

„Unter Umständen ist das …“, begann er.

„Ich habe eine Idee!“, unterbrach sie ihn und zog ihn mit sich. „Du nimmst einfach ein zweites Zimmer in dem Hotel.“

Er hatte keine Ahnung, weshalb er ihr nicht Einhalt gebot oder wieso er nicht in der Lage war, ihr zu widersprechen. Sie hatte irgendetwas an sich, das ihn willenlos machte. Vermutlich war ihr Zauber ihm direkt ins Gehirn gekrochen. Anders konnte er sich nicht erklären, warum er kurz darauf an der Rezeption stand und um ein Zimmer bat, das im Erdgeschoss lag.

Es war nur eines mit einfacher Ausstattung verfügbar, aber das spielte für ihn keine Rolle. Die neugierigen Blicke des Rezeptionisten ignorierte er.

Sobald er das Zimmer gefunden hatte, öffnete er die Terrassentür und lauschte in den Garten. Die Geräusche des Festes drangen zu ihm, doch es schien sich sonst niemand in der Nähe zu befinden. In der Nacht zuvor war Vollmond gewesen, weshalb er draußen keine Details erkennen konnte. Ob es Greta gelungen war, sich auf das Grundstück des Hotels zu schleichen?

In einem Busch ganz in der Nähe raschelte es. Er hielt den Atem an und trat nah an das Geländer.

„Greta?“, flüsterte er.

Ein leiser Fluch war zu hören. Das Rascheln verstärkte sich. Dann drängte sich Greta durch die Zweige des Busches.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt.

„Ja, klar. Ich habe bloß vergessen, dass dieses Dirndl sich nicht für Abenteuer eignet.“

Sie grinste übermütig, als er ihr über das Geländer half. Ihre Augen blitzten. Ihre Wangen hatten sich gerötet. Sie schien diese Heimlichkeit von ganzem Herzen zu genießen.

In diesem Moment eroberte sie einen Teil von ihm. Sie war eine lebenslustige, herzliche, selbstbewusste junge Frau. Er hoffte, dass das Schicksal ihr niemals Steine in den Weg legte, um ihren Geist zu brechen. Er würde sie niemals bremsen. Er wünschte, sie ließe zu, dass er sie in Zukunft vor den dunklen Seiten des Lebens beschützte.

Sie schlang ihm die Arme um den Hals. „Wo waren wir stehengeblieben?“, fragte sie.

Dann küsste sie ihn und drängte ihn ins Zimmer zurück. Er wurde von ihrer stürmischen Eile förmlich überrollt. Jeder Gedanke an die Zukunft wurde von Verlangen ausgelöscht.

 

Sonntag, 22. Juli 2012

 

Er hatte gedacht, jetzt, mit fünfundzwanzig, wäre er bei Dates nicht mehr nervös. Doch der Gedanke, Greta gleich wiederzusehen, ließ ihn ganz kribbelig werden.

Bevor er aus dem Hotelzimmer trat, blieb er stehen und klopfte seine Hosentaschen ab. Wo war nur sein Schlüssel? Unter Umständen sollte er auch seine Geldbörse mitnehmen, wenn er sie auf ein Getränk einladen wollte.

Nachdem er das Zimmer auf den Kopf gestellt hatte, fand er Schlüssel und Geldbörse in dem Rucksack, der neben der Tür hing. Endlich konnte er sich auf den Weg zu Greta machen. Er verließ das Hotel und ging durch den Ort zu dem Zelt, in dem der Kirtag stattfand. Sein Bruder und seine Freunde waren bereits vorgegangen, weil Thimo unbedingt noch unter die Dusche gewollt hatte. Während er die Straße entlangmarschierte, wurde die Musik der Blaskapelle immer lauter.

Hoffentlich würde sie sich ein wenig Zeit nehmen können, selbst wenn sie kellnern musste. Obwohl er sich freuen würde, sie auch nur zu beobachten, wollte er sich mit ihr unterhalten, sie küssen, ihr sagen, was er begonnen hatte für sie zu empfinden.

Ihre gemeinsame Nacht war … Es gab kein Wort, das sie treffend beschreiben konnte. Noch niemals hatte er so etwas Intensives, Magisches, Aufregendes erlebt. Mit Greta zu schlafen, war heiß gewesen, leidenschaftlich, atemberaubend. Jede Sekunde davon hatte sich in seine Erinnerung eingebrannt. Es war mehr gewesen als Sex. Es hatte sich angefühlt wie der Beginn von etwas Großem. Am nächsten Morgen war sie verschwunden gewesen, sonst hätte er ihr sofort gesagt, dass er sie unbedingt wiedersehen musste, dass er alles dafür tun würde, damit es funktionierte.

Sein Bruder und Thimo waren ein untrennbares Team. Ihre Jugend hatte sie zusammengeschweißt, weshalb sie seit Ewigkeiten aufeinander aufpassten. Als Mechaniker kümmerte Thimo sich um den Rallyewagen, den Marc fuhr. Ihr Traum war es, gemeinsam in die Formel 1 zu wechseln. Ein Team war bereits auf Marcs Fahrertalent aufmerksam geworden. Sie standen kurz davor, ihr eigentliches Ziel zu erreichen. Doch auf einmal hatte dieser Traum für Thimo seinen Reiz verloren. Er würde seinen Job kündigen, zu Greta ziehen und sein Geld in einer kleinen Werkstatt verdienen, wenn sie das wollte. Wenn sie sich für ihn entschied. Dies hier war der Moment, der sein Leben für immer verändern konnte.

Mit Marc hatte Thimo noch nicht darüber gesprochen, was ihn beschäftigte. Er hatte die Begegnung mit Greta mit keinem Wort erwähnt, hatte die Überlegungen in seinem Kopf gewälzt, hatte sich nicht von seinem Bruder beeinflussen lassen wollen. Wenn seine Pläne für Greta genauso wunderbar klangen wie für ihn, würde er noch heute reinen Tisch machen.

Endlich kam das Zelt in Sicht, in dem die Leute feierten. Er konnte neben der Musik auch Lachen und das Gewirr vieler Stimmen ausmachen. Sobald er das Zelt betrat, sah er sich nach Greta um.

Die Tische in seiner Nähe waren gut gefüllt. Nur wenige Plätze waren nicht besetzt. Menschen schoben sich durch die Reihen dazwischen. Thimo entdeckte einige Kellnerinnen mit schwer beladenen Tabletts. Doch Greta war weit und breit nicht zu sehen. Er ging am Rand des Zelts entlang weiter nach hinten. Auch dort konnte er sie zwischen den Tischen nicht ausmachen.

Sein Herz klopfte inzwischen vor Aufregung so heftig, dass er Mühe mit dem Atmen hatte. Er wischte sich die feuchten Handinnenflächen an seiner Hose ab und blieb stehen. War sie gar nicht hier?

Die Musikkapelle beendete ihr Lied. In der plötzlichen Pause des Blechgedudels hörte man die Stimmen der Gäste überlaut. Und dann vernahm er über das Geschrei hinweg ein Lachen, das er überall wiedererkennen würde. Sein Herz machte einen Hüpfer.

Anscheinend hielt Greta sich in der Bar neben dem Ausschank auf. Einige Gäste versperrten ihm die Sicht, als er sich dorthin vorarbeitete. Endlich trat ein Mann zur Seite, sodass Thimo Greta entdecken konnte.

Sie lachte immer noch, unterhielt sich mit jemandem neben sich, vor dem zu viele Menschen standen, als dass Thimo ihn hätte ausmachen können.

Wie hübsch sie war, dachte er, während er sich durch die Menge schlängelte. Heute trug sie das Haar offen. Die brünetten Locken waren etwas länger als schulterlang, umschmeichelten ihr Gesicht. Er würde sie gerne wie einen Fächer ausgebreitet auf dem Kissen sehen. Er wollte dieses amüsierte Strahlen in ihren Augen sehen, sich zu ihr beugen und ihr das Lächeln von den Lippen küssen.

Hals über Kopf verliebt. Und er würde es nach diesem Tag auch jedem erzählen, der es hören wollte.

Nur noch ein paar Schritte, dann wäre er bei ihr angelangt. Er beobachtete, wie sie die Hand hob und sie auf den Oberarm der Person legte, die sich neben ihr befand. Einen sehr kräftigen, männlichen Oberarm. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht veränderte sich, zeigte eine Emotion, die keinen Zweifel an Gretas Interesse an ihrem Gegenüber ließ.

Thimos Magen verwandelte sich in einen Klumpen. Sie hatte doch gesagt, sie habe keinen Freund. Dennoch fühlte sie sich ganz offensichtlich zu dem Mann neben sich hingezogen. Das konnte nicht sein. Bestimmt gab es eine ganz einfache Erklärung.

Noch ein Schritt und er konnte endlich einen Blick auf den Kerl werfen, den sie so anhimmelte. Er hielt mitten in der Bewegung inne, wurde von einer Kellnerin angerempelt, die sein Anhalten überrascht hatte. Doch er war nicht in der Lage, dem Zusammenstoß auszuweichen.

Greta und Marc standen immer noch an der Bar.

Ihre Hand strich über seinen Oberarm.

Thimos Bruder trat näher an sie heran, flüsterte ihr etwas ins Ohr und sah sie an, als würde er gerne an Ort und Stelle über sie herfallen.

Und ihr gefiel dieses Bad Boy-Gehabe.

Die Enttäuschung ließ Thimos Herz zu Eis erstarren. Greta hatte sich innerhalb weniger Minuten in sein Herz gestohlen. Für sie hätte er sein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt. Doch nun fiel sie auf einen Herzensbrecher wie Marc herein, sobald Thimo ihr den Rücken zuwandte. Wie hatte er sich nur so in ihr täuschen können?

Thimo überlegte, ob er sich davonschleichen sollte. Noch hatten ihn weder Greta und Marc, noch einer seiner Freunde, die sich neben dem Paar an eine Gruppe Frauen herangemacht hatten, entdeckt. Er könnte ins Hotel zurückkehren und behaupten, doch keine Lust gehabt zu haben, diesen Kirtag zu besuchen.

So leicht wollte er Greta jedoch nicht davonkommen lassen. Sie hatte sich für den heutigen Tag mit ihm verabredet. Auch wenn sie nach eigener Aussage nur auf Spaß aus gewesen war, hatte sie mit ihm geschlafen. Sollte sie jetzt lieber Zeit mit Marc verbringen, dann musste sie das Thimo schon ins Gesicht sagen.

Ein ahnungsloses Gesicht aufzusetzen, fiel ihm schrecklich schwer. Je weiter er seine Mundwinkel anhob, umso mehr schmerzte sein Herz. Er war bemüht, sich davon nichts anmerken zu lassen. Er wäre der Bruder, den Marc brauchte. Er würde sich Marc nicht in den Weg stellen und ihn unterstützen, wie er es immer tat. Doch zum ersten Mal hasste er die Rolle, die zu ihm gehörte wie dröhnende Motoren zum Rennsport.

„Hallo, alle zusammen“, sagte er, als er schließlich zu Greta und Marc trat. Zum Glück klang seine Stimme ruhig und unerschüttert.

Seine Kumpels begrüßten ihn mit einem Grölen und wandten sich dann wieder ihren Begleitungen zu.

Gretas Wangen röteten sich, als sie ihn entdeckte. „Hallo Thimo.“

Marc grinste und klopfte ihm auf die Schulter. Er sah von Thimo zu Greta und wieder zurück. „Ihr kennt euch schon? Wann hast du meinen Bruder getroffen, Greta?“

Nun wirkte sie schockiert. „Bruder?“

Vielleicht sah sie die Ähnlichkeit jetzt, nachdem sie Seite an Seite standen. Die schmale Nase, die tiefliegenden dunklen Augen, das kantige Kinn. Auch wenn Thimos Haar dunkelblond und Marcs schwarz war, trugen sie es ungefähr gleich lang und hatten beide einen Bart. Das verstärkte die Familienähnlichkeit zusätzlich.

„Thimo ist mein kleiner Bruder.“ Marc stieß Thimo mit der Schulter an. „Anscheinend hat er Geheimnisse vor mir. Wo seid ihr euch über den Weg gelaufen?“

„Wir … ich …“ Sie suchte nach Worten.

„Ich war am Freitagabend hier“, berichtete Thimo. „Ihr wolltet ja in diesen Laden. Währenddessen habe ich mir etwas zu Essen geholt. Greta dachte, ich würde bestimmt auch gerne etwas trinken. Darum hat sie mir Bier aufs Shirt geschüttet. Und dann …“

„Ja?“, fragte Marc, als Thimo stoppte.

Er hielt Gretas Blick fest. Er ließ sie zappeln. Wartete ab, ob sie eingreifen würde. Dachte sie, er wäre in der Lage, sie absichtlich in Verlegenheit zu bringen?

„Und dann hat sie mich als Wiedergutmachung eingeladen. Wir haben uns unterhalten und für heute verabredet. Aber mir scheint, dein Auftauchen hat ihre Prioritäten verändert.“

Marc lachte. „Tut mir leid, Bruderherz. Mein Charme ist unwiderstehlich. Oder irre ich mich da?“

Greta und Marc sahen sich in die Augen. Die Luft schien Funken zu sprühen, als Marc die Hand ausstreckte und mit dem Daumen über ihre Wange strich. Ihre Pupillen weiteten sich. Sie schien wie gefangen von seiner Präsenz. Deutlicher hätte sie nicht zeigen können, wie fasziniert sie war.

Hals über Kopf verliebt. Aber ganz eindeutig in den falschen Bruder.

„Dann will ich euch nicht stören“, murmelte Thimo. „Ich brauche jetzt ohnehin etwas zu trinken.“ Er stellte sich hinter Marc an die Bar und bestellte ein Bier.

„Thimo … warte …“

Er wünschte, ihre Stimme würde ihn nicht an das erinnern, was er erhofft hatte.

„Noch was vergessen?“, erkundigte er sich kühl und drehte sich zu ihr um.

„Es …“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Es tut mir leid.“

„Schon okay. War ja kein Date, das wir vereinbart hatten. Nur eine lockere Verabredung. Frauen stehen nun mal auf die bösen Jungs.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, doch Marc legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie an seine Seite.

„Ist doch kein Problem, wenn ich dir Greta entführe, oder?“

Thimo wusste, Marc würde sich nicht auf Greta einlassen, wenn er jetzt andeuten würde, auf sie zu stehen. Er war drauf und dran zu bejahen, doch dann flog sein Blick zu Greta. Sie schien sich an Marcs Seite mehr als wohlzufühlen. Greta hatte ihre Entscheidung bereits getroffen. Mehr hatte Thimo nicht zu interessieren.

„Nein. Kein Problem. Ich wünsche euch viel Spaß.“ Hastig wandte er sich ab. Die beiden zusammen zu beobachten, täte zu sehr weh. Wie es aussah, würde ihm der Anblick in Zukunft vielleicht das eine oder andere Mal ohnehin nicht erspart bleiben.

[…]

„Boxenstopp für einen Kuss“
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