Der Autor, der Schotte und das Schicksal

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forever love – Ich sehe Liebe

 

Wenn Jonas nicht gerade fremde Menschen verkuppelt oder die Computerprobleme der Firma löst, für die er arbeitet, schreibt er Romane. Das neue Mitglied in seiner Autorengruppe geht ihm im ersten Moment gegen den Strich. Doch Jonas bemerkt rasch, wie viel er mit Gordon gemeinsam hat. Dass er sich zu dem Schotten hingezogen fühlt, bringt ihn jedoch völlig durcheinander. Jonas kann schließlich Liebe sehen und weiß, wen das Schicksal für Gordon vorgesehen hat. Außerdem ist Jonas nicht schwul. Weshalb also lässt er sich zu einem Kuss hinreißen? Und warum will er noch viel mehr von Gordon?

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Leseprobe

1. Kapitel
Samstag

„Sagen Sie dem Mann dort vorne bitte, dass er Unrecht hat.“

Die Kellnerin, die mir gerade meinen Kaffee bringt, sieht mich irritiert an. „Ich verstehe nicht …“

„Richten Sie es ihm einfach nur aus.“

„Wen meinen Sie?“

Ich deute auf den Gast mit den auffällig blonden Haaren, der am Tresen des Lokals sitzt.

„Wollen Sie nicht lieber selbst mit ihm sprechen, Herr Bander?“ Vermutlich findet sie meine Bitte mehr als seltsam. Sie wird schon noch dankbar sein. Bald wird sie es genauso sehen wie ich, auch wenn meine Bilder plastischer sind.

„Seien Sie einfach so freundlich.“

Sie nickt errötend und geht zu dem Mann. Ich beobachte, wie sie sich unterhalten. Die Schüchternheit der Beiden, wenn sie miteinander zu tun haben, bringt mich zum Lächeln. Dann kehrt die Kellnerin zurück.

„Er weiß leider nicht, was Sie meinen.“

Wie sollte er auch? „Teilen Sie ihm mit, dass die junge Frau mit dem Dutt dort drüben aus meiner Sicht leider hübscher ist.“

Ihre Verwirrung wächst, doch sie macht sich auf den Weg zu dem Kunden am Tresen. Neuerlich reden sie leise miteinander. Der Mann schüttelt den Kopf, sieht dann zu mir. Schließlich steht er auf und kommt mitsamt der Kellnerin rüber.

„Guten Tag“, sagt er. „Ich fürchte, Sie verwechseln mich mit jemandem.“

„Aber Sie sind doch der einzige, der jeden Tag in seiner Mittagspause hierherkommt, um sich von dieser Kellnerin bedienen zu lassen. Immer nur von dieser.“

Er errötet und bringt kein Wort heraus.

„Mir macht das gar nichts. Ich verstehe es sogar. Offensichtlich ist sie die hübscheste Person in diesem Raum. Natürlich bis auf die junge Frau mit dem Dutt.“

„Oh. Äh. Ja. Woher wissen Sie …?“ Er senkt den Kopf und wagt nicht, zu der Frau zu schauen, in die er sich offensichtlich verguckt hat.

„Ich würde vorschlagen, dass Sie beide zusammen an dem Tisch dort drüben Platz nehmen, damit Sie sich unterhalten können“, fahre ich fort. „Ihre Lieblingskellnerin macht normalerweise in fünf Minuten Pause.“

Nun treffen sich die Blicke der Beiden doch. Wenig später hat die Kellnerin zwei Teller mit Kuchen geholt, und sie sitzen endlich zusammen und reden miteinander. Seit Wochen habe ich beobachtet, wie sie umeinander herum geschlichen sind. Als ihr Lachen erklingt, weiß ich, dass sie es ab jetzt alleine schaffen.

Liebe sieht man nicht, das behaupten zumindest alle. Doch ich kann Liebe sehen. Ich erkenne die kleinen, elektrischen Ladungen, die zwischen zwei Menschen hin und her springen. Wenn ich meine Brille auf meiner Nase nach vorne schiebe und mit meinen kurzsichtigen Augen in ihre Richtung schaue, entstehen in meinem Kopf Bilder.

Ja, ich sehe Liebe. Die Kellnerin ganz in Weiß. Ich höre in Gedanken das Glück und die Liebe in ihrer Stimme, als sie ihr Eheversprechen abgibt. Neben ihr der Mann mit den blonden Haaren.

Die Szenerie wechselt. Kinderlachen, als der Mann einen Jungen hoch in die Luft wirft. Die Frau kommt mit einem zappelnden Baby auf ihrem Arm ins Bild.

Erst wenn ich meine Brille wieder an ihren Platz schiebe, bin ich wieder im Hier und Jetzt.

Viele meiner Freunde habe ich schon erfolgreich verkuppelt. Ich weiß sofort, ob sie zusammenpassen. Man nennt mich Glücksbringer. Niemand ahnt, was ich durch einen Blick auf zwei Menschen erfahre.

Glücksbringer nur für die anderen. Nicht für mich.

Das Problem liegt bei mir. Schon vor Jahren habe ich in einer Vision erfahren, dass ich alleine bleiben werde. Für immer. Natürlich kann ich versuchen, dem Schicksal, das Einsamkeit für mich vorgesehen hat, ein Schnippchen zu schlagen. Doch meine Beziehungen sind nie von Dauer. Wie soll ich eine Verbindung zu jemandem aufbauen, der nicht für mich vorgesehen ist? Damals fühlte ich mich isoliert und sehnte mich nach der Nähe zu einem anderen Menschen. In dieser Phase habe ich stundenlang, tagelang Fotos von mir selbst angestarrt. Und dann hatte ich endlich eine Vision. Ich habe mich gesehen, in verschiedenen Stadien meines Lebens. Immer allein. Immer ohne die Liebe eines anderen Menschen. Beim Blick auf das Paar, das sich gerade gefunden hat, durchzuckt mich Eifersucht. Ich kann die Tür zu meinen Erinnerungen nicht rechtzeitig schließen.

Die Enttäuschung von mir selbst, die Frustration streckt ihre Hand aus, krallt sich in meine Gedärme. Es gibt einfach viel zu wenig Luft. Meine Sicht verschwimmt, und die Geräusche rund um mich werden immer leiser. Es fühlt sich an, als verlöre mein Körper an Gewicht, als würde ich von allem losgelöst. Und dann rast der Schmerz durch mich, bohrt sich in mein Gehirn. Hoffentlich bekomme ich mich rasch wieder unter Kontrolle.

Meine Bücher. Ich denke an meine Geschichten. Auch wenn ich keine Macht über meine Gefühle habe, so kann ich das Schicksal meiner Helden beeinflussen. Wenn ich Leute zusammenbringe, ich ihnen die Liebe zeige, kann ich etwas bewirken. Wer ist schon in der Lage, so viele Menschen glücklich zu machen?

Langsam nehme ich mein Umfeld wieder wahr. Das Atmen fällt mir leichter. Das Schlimmste habe ich hinter mir. Erleichtert blinzle ich den Rest der dunklen Wolke weg.

Und jetzt nichts wie raus hier. Schnell hebe ich den Arm, um die Rechnung anzufordern.

Die Kellnerin bemerkt es und kommt an meinen Tisch. Das Strahlen in ihren Augen ist neu. „Danke für Ihre Hilfe.“

Der Mann, der vorhin am Tresen gesessen ist, kommt zu seiner Kellnerin. Die beiden lächeln sich an. „Danke.“ Er sieht kurz zu mir.

„Ich freue mich für Sie“, bringe ich hervor. Ich lege das Geld auf den Tisch. Dann schiebe ich mich rasch an ihnen vorbei und renne fast hinaus auf die Straße.

Die Sommerluft riecht verheißungsvoll. Mit einem tiefen Atemzug versuche ich den Druck in meinem Magen loszuwerden. Nicht erfolgreich.

Zeit, mich auf das Schreiben zu konzentrieren. Ich habe viel zu hohe Erwartungen an mich selbst. Natürlich weiß ich, dass ich mir damit nichts Gutes tue, aber ich will es schaffen. Ich will Erfolg haben. Als Autor. Damit ich endlich meinen Job in der EDV-Abteilung der Rechtsanwaltskanzlei kündigen kann. Ganz schön naiv. Sowas klappt, wenn überhaupt, dann erst nach Jahren. Aber wenn ich schon alleine alt werden muss, dann will ich mir wenigstens diesen Traum verwirklichen.

Zu Fuß mache ich mich auf den Heimweg und schließe zehn Minuten später die Wohnung zu der WG auf.

„Jonas?“, höre ich Hannas Stimme aus der Küche.

„Bin gleich bei dir.“ An der Garderobe lege ich Schuhe und Jacke ab, bevor ich nach nebenan in die Küche gehe.

Hanna ist gerade dabei, Tee zu machen. Fairtrade Biotee natürlich. Sie trägt ihr umweltfreundlich hergestelltes, natürlich gefärbtes Kleid mit den Fransen. „Willst du auch eine Tasse?“

Ich schüttle den Kopf und lehne mich neben sie an die schmale Fensterbank.

„Hattest du Erfolg?“

„Ja. Ich habe eine Idee, die ich gleich umsetzen möchte. Meine Gefühle stecken schon in der Geschichte fest. Irgendwann frisst mich das auf. Gestern war ich so in Gedanken, da hätte ich beinahe einen Virus auf sämtliche Geräte der Kanzlei losgelassen.“

Sie nimmt mich in den Arm. „Du leidest mit deinen Helden mit. Deshalb sind sie so echt. Nutz das Wochenende, um dich mit deinem Roman einzuschließen. Für den Haushalt sorge ich.“

Ich erwidere ihre Umarmung. „Wenn ich dich nicht hätte!“

Der Teekessel pfeift, und sie löst sich von mir und zieht ihn vom Herd. „Was hast du heute Morgen angestellt?“

„Nicht viel. Im Diner habe ich ein Pärchen verkuppelt.“

Ihr Blick huscht zu meinem Gesicht, während sie das heiße Wasser in eine Tasse gießt. „Hast du es wieder gesehen?“

„Ich hätte dir niemals davon erzählen sollen! Das eine Bier damals war zu viel.“ Ich verschränke meine Arme vor der Brust.

„Wenigstens kannst du jetzt mit jemandem darüber sprechen.“

„Da du Bescheid weißt, solltest du endlich meinem Rat folgen.“

Sie lacht und rührt mit der Teekugel in der Tasse. „Du weißt genau, dass ich einfach keine Zeit für eine Beziehung habe. Heute Abend haben wir eine Demonstration vor einer Beautyface-Filiale. Die sollen endlich mit ihren Tierversuchen aufhören.“

Diese Woche ist es Beautyface. Die davor war es Woodykind, weil sie Tropenholz beim Bau ihrer Möbel verwenden. Worum sie sich wohl nächste Woche kümmern wird?

Das Geräusch von nackten Füßen auf Parkett kommt näher. „Gehst du heute Abend mit mir ins Kino, Hanna?“ Ein schlaksiger, langer Kerl mit wirr nach allen Seiten abstehenden, rotbraunen Haaren kommt in Sicht. Anscheinend ist er gerade aus dem Bett gekrabbelt.

„Hallo, Ruckus“, grüße ich.

Er bleibt in der Tür stehen. „Hi, Jonas. Was ist jetzt mit Kino, Hanna?“ Sein Blick ist auf Hanna gerichtet. Doch die rührt in aller Seelenruhe in ihrem Tee. Oje.

„Hanna?“ Er fleht beinahe um Aufmerksamkeit.

Langsam dreht sie sich um. „Tut mir leid, aber ich habe keine Zeit für Kino. Ich muss dann gleich los zu einem Treffen, um die heutige Aktion zu planen.“

„Lass mich mitkommen.“

„Nein, da wärst du nur im Weg.“

Das war nicht nett. Vielleicht sollte ich ihr sagen, dass sie zu weit geht. „Hanna …“

„Halt dich raus, Jonas“, sagt sie. „Ruckus versteht das schon.“ Sie nimmt einen vorsichtigen Schluck von ihrem Tee.

„Nein, das tut er nicht“, stellt ihre aktuelle Flamme klar, die sich wohl gerade abkühlt. „Aber dann warte ich einfach hier auf dich. Oder ich hol dich morgen Früh zum Brunch ab.“

Sie zieht die Nase kraus. „Willst du mich schon wieder ins Damasch schleppen? Hast du die ganze Verschwendung dort nicht gesehen? Was davon alles weggeschmissen wird! Das ist kein verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen der Natur.“

Ruckus‘ Gesicht zeigt seine Betroffenheit. „Wir finden ein anderes …“

„Ich kann sowieso nicht“, unterbricht sie. „Am besten gehst du jetzt nach Hause. Ich melde mich, wenn es bei mir passt.“

„Das genügt mir nicht.“

Sie seufzt und nippt am Tee. „Wir haben doch viel Spaß zusammen! Ganz unverbindlich. Warum sollten wir etwas ändern?“

„Vielleicht sollte ich mal in meinem Zimmer nach dem Rechten sehen“, meine ich an niemand Bestimmten gewandt und mache mich vom Acker.

Ich setze mich an meinen Schreibtisch und versuche zu schreiben. Zuerst sind die Stimmen nebenan leise. Doch dann klingt es, als würden die beiden in Rage geraten.

„Weil ich mehr will!“

„Kriegst du aber nicht!“

„Das habe ich nicht verdient!“, beschwert sich Ruckus.

Oh, Mann. Mir wäre es lieber, ich müsste das nicht mitanhören.

„Ich will mehr Zeit mit dir verbringen, Hanna!“

„Wozu? Warum ist es dir so wichtig?“, erhebt auch meine beste Freundin ihre Stimme.

„Weil ich dich liebe“, brüllt Ruckus lauter, als man ein Liebesgeständnis verkünden sollte.

Für mich ist das keine Überraschung. Ich habe gemerkt, was mit ihm los ist. Aber Hanna wird das nicht gut aufnehmen. Armer Kerl. Er hat sich gerade ins Aus befördert.

Tatsächlich wird es nun still draußen. Viel zu still. Dann Schritte, etwas wird geworfen, die Beiden trampeln durch die ganze Wohnung.

„Ist das dein letztes Wort?“, höre ich ihn von der Eingangstür her. Er klingt wütend und verletzt.

Da wenig später die Tür zugeknallt wird, kann ich mir Hannas Antwort denken. Ich warte ein paar Minuten, bevor ich zu ihr gehe.

Sie hat einen Karton auf das Bett in ihrem Zimmer gestellt und wirft Dinge hinein, die anscheinend Ruckus gehören.

„Alles in Ordnung?“, frage ich von der Tür aus.

„Idiot! Was glaubt er denn? Nur ein kurzer, harmloser Flirt. Was Anderes war nicht abgemacht.“

„Wie sollte er sich nicht in dich verlieben? Du bist Hanna.“

Eine CD, die sie mit zu viel Wut in die Kiste hat befördern wollen, fällt klappernd auf den Boden. Hanna richtet sich auf. „Jonas!“

Ich zucke mit den Schultern. „Er, nicht ich. Wir beide sind mit diesem Thema durch.“

„Mit dir war das alles einfacher.“

„Damals waren wir ja auch noch jung“, gebe ich zu bedenken. „Die erste große Liebe. Man fühlt sich unbesiegbar. Heute wissen wir es besser.“ Nicht dass wir vor einem Jahr nicht noch einmal versucht hätten, den Zauber zu erneuern. Aber was vorbei ist, ist vorbei.

Hanna sinkt aufs Bett. „Ich dachte, Männer wären glücklich, wenn sie Spaß ohne Verpflichtung haben können.“

Ich stoße mich vom Türrahmen ab und setze mich neben sie. „Am Anfang war er das auch. Sei froh, dass du einen Kerl gefunden hast, der nicht so oberflächlich ist.“

„Beziehungen sind mir zu kompliziert. Es tut nur weh, wenn man jemanden so nahe an sich heran lässt. Außerdem habe ich wirklich keine Zeit für sowas.“

„Weil die Tiere und die Umwelt dich brauchen?“

Mit strengem Blick sieht sie mich an. „Machst du dich über mich lustig?“

„Das käme mir nicht in den Sinn. Deine Arbeit ist wichtig. Aber irgendwann wirst du dich vielleicht fragen, ob du nicht auch mal an dich hättest denken sollen. Kannst du dir nicht vorstellen …“

Sie schüttelt den Kopf. „Nein. Schade um Ruckus. Aber ich spare mir lieber diesen ganzen Quatsch mit Händchenhalten und Liebesgesülze. Wenn ich jemanden zum Reden brauche, habe ich schließlich dich.“

Ich lege ihr einen Arm um die Schulter. „Klar. Du weißt, ich bin immer für dich da. Uns bringt nichts auseinander.“

2. Kapitel

Sonntag

„Könnt ihr euch jetzt endlich konzentrieren?“, bitte ich.

Die anderen sieben Menschen in dem Raum plappern immer noch durcheinander. Auch wenn sich mir ein paar Gesichter zuwenden, brauche ich mit meiner Begrüßung noch nicht beginnen.

Wir haben wie bei jedem Treffen die Tische an die Seite geschoben und mit den Stühlen in der Mitte einen Kreis gebildet. Einer ist noch leer.

Schließlich stehe ich auf und klatsche in die Hände. „Leute! Ich würde gerne beginnen.“

Nur langsam kehrt Stille ein.

„Danke.“ Ich setze mich wieder. „Willkommen bei unserem Autorentreffen. Das Wichtigste zuerst: noch keine Rückmeldung der Verlage zu unserer Anthologie. Tut mir leid.“

Leises Murmeln zeigt mir, wie wenig begeistert die anderen sind. Geduld gehört nicht zu unseren Stärken.

„Es freut mich, dass ihr alle heute hergefunden habt. Nur Maxime macht es wieder spannend. Aber es gibt einiges, das ich unbedingt mit euch besprechen muss. Wir wollten doch als Gruppe im Oktober zur Frankfurter Buchmesse fliegen und am Stand der Büchermäuse eine Lesung halten. Wie ich gerade erfahren habe, werden die Büchermäuse allerdings doch nicht in Frankfurt sein. Offensichtlich war schon länger klar, dass sie sich den Stand nicht leisten können. Der Admin der Gruppe hat sich nicht getraut, mir das zu beichten.“

Entsetzte Gesichter. Schockiert aufgerissene Augen.

„Das können sie doch nicht machen!“

„Aber wo sollen wir stattdessen lesen?“

„Die Buchmesse findet bereits in zwei Monaten statt! Dort wartet niemand mehr auf uns.“

Ich warte, bis sich die Aufregung etwas gelegt hat. „Wir müssen gemeinsam nach einer Alternative suchen.“

„Worum geht es?“ Maxime rauscht herein. „Was habe ich verpasst?“

„Hi! Wir versuchen herauszufinden, ob wir in Frankfurt …“ Ich unterbreche mich selbst, als hinter ihr ein Mann den Raum betritt. Wer ist der auffällige Kerl?

Maxime lächelt. „Schaut mal, wen ich aufgegabelt hab. Gordon ist Schotte.“

Als würde das erklären, warum sie den Zweimetermann mitgebracht hat. „Ich freue mich für dich, Maxime. Aber dieses Treffen ist nur für Autoren …“

„Ich schreibe“, verkündet der Riese mit einem leichten Akzent. Seine blauen Augen blitzen amüsiert. Wie kann man so gut aussehen? Wie kann man so eingebildet sein?

Die fünf Frauen unserer Gruppe kichern. Als er sich mit den Fingern durch die schwarzen Haare fährt, glaube ich zu hören, wie jemand seufzt.

Wie kann Maxime ihn einfach anschleppen, ohne vorher mit mir zu reden? Sie kann mich doch nicht derart übergehen. Ich hasse sowas. „Ich verstehe nicht ganz …“

„Ich habe Gordon gestern in einer Bar kennengelernt.“ Sie schickt ihm einen verzückten Blick. „Er ist auf der Suche nach einer Schreibgruppe, hat gerade seinen ersten Roman fertiggestellt und die Unterlagen schon an Verlage geschickt.“

Sein erster Roman? Und jetzt glaubt der Kerl vermutlich, dass die Verlage nur auf ihn warten. Soll er erst mal sechs Romane schreiben wie ich! Aber das darf ich ihm als höflicher Mensch natürlich nicht unter die Nase reiben.

„Jonas hat sechs Romane fertig.“

Ha! Danke, Sophie. Ich lächle in die Richtung meiner Kollegin.

„Sexromane?“, fragt Gordon mit interessierter Stimme nach. „Auf den ersten Blick wirkst du nicht wie ein Erotikautor. Schreibst du das ganz harte Zeug?“

„Nein!“ Mein Puls rast. „Krimis. Ich habe s-e-c-h-s Krimis verfasst.“

Er kommt näher. „Und die sind bei einem Verlag erschienen?“

„Einer. Drei habe ich selbst veröffentlicht.“

„Cool.“

Eigentlich nicht. Ich will mehr. „Tja. Keine Ahnung, was Maxime dir versprochen hat. Wir nehmen keine neuen Autoren mehr auf.“

„Wer sagt das?“, will Maxime wissen. „Darüber haben wir nicht abgestimmt.“

„Aber wir sind bereits neun Leute. Wenn ich daran denke, welches Chaos jetzt schon entsteht, wenn wir uns auf etwas einigen wollen, glaube ich nicht, dass wir wachsen sollten.“

„Ob neun oder zehn ist egal“, behauptet Maxime, schiebt Gordon zu dem freien Stuhl in unserem Kreis und holt sich selbst einen von der Seite.

Blinzelnd versuche ich zu verstehen, was gerade passiert. Es fühlt sich an, als würde man mich aus dem Flugzeug schubsen, bevor ich den Fallschirm richtig angelegt habe. „Hör mal, Maxime. So läuft das bei uns nicht.“

Sie nimmt Platz und sieht in die Runde. „Wer ist dafür, Gordon in unsere Autorengruppe aufzunehmen?“

Neun Hände schießen in die Höhe.

„Er hat kein Mitbestimmungsrecht“, meine ich säuerlich in Gordons Richtung, der ebenfalls aufgezeigt hat.

„Trotzdem sind alle außer dir einverstanden“, stellt Maxime mit einem Schulterzucken fest. „Also, worüber habt ihr euch gerade unterhalten?“

„Aber …“ Ich ringe nach Worten. „Ihr könnt doch nicht …“

„Frankfurt“, antwortet Sophie. „Wir wollten eine Lesung bei den Büchermäusen – einer Buchbloggergruppe – abhalten. Die können sich aber den geplanten Stand doch nicht leisten. Wir müssen versuchen, einen anderen Lesungstermin zu ergattern.“

Gordon grinst. „Coole Sache. Ich habe auch schon mal in Frankfurt gelesen. Die Stimmung dort ist toll. Möglicherweise kann ich euch Tipps geben.“

Und morgen übernimmt er die Leitung der Gruppe, oder was? Vielleicht versuche ich, ihn loszuwerden. „Bevor wir weiterreden, möchte ich gerne etwas von Gordon lesen. Ich weiß um die Qualität von euren Texten. Aber Gordon ist für uns ein unbeschriebenes Blatt.“

„Einverstanden. Aber erst bin ich für eine Vorstellungsrunde“, schlägt Gordon vor. „Jede Menge hübscher Frauen hier, deren Namen ich gerne erfahren würde.“

Gekicher als Antwort.

„Gerne. Du fängst an. Trägst du einen Schottenrock, wenn du zu Lesungen gehst?“, versuche ich ihn zu provozieren.

Gordon bricht in Gelächter aus. „Nein. Mein Kilt, wie es richtig heißt, ist nur für hohe Feiertage gedacht.“

„Interessant. Erzähl uns mehr über dich.“

„Gordon Mackay, Vater Schotte, Mutter Österreicherin, aufgewachsen in Wien, jetzt lange Jahre in Schottland gelebt, zweiunddreißig, Single.“ Er lässt seine Augenbrauen hüpfen und lächelt in die Runde. Maxime zwinkert ihm zu. Louisa errötet. Waltraud kichert. „Ich verdiene mein Geld als Assistent eines Fotografen. Ein echter Sklaventreiber, aber ich lerne viel von ihm. Die Linse klärt meinen Blick auf Dinge. Ich habe einen Abenteuerroman geschrieben und einige Gedichte.“

„Was gibt es über dich sonst noch zu wissen?“, stochere ich weiter. „Übst du dein Lächeln vor dem Spiegel? Hast du Hobbies?“ Wozu haben wir Autoren außer unserem Brotjob, sozialen Kontakten und dem Schreiben schon Zeit?

„Sport. Ich brauche Bewegung, damit sich meine Gedanken reinigen. Schön, dass ich hier sein darf und meine Probleme beim Schreiben jetzt mit euch klären kann.“

„Wir freuen uns auch, dich kennenzulernen.“ Ich ersticke fast an den Worten. „Neben dir sitzt übrigens Louisa. Stellst du dich bitte selbst kurz vor?“

Sie blinzelt. Die Röte auf ihren Wangen vertieft sich. „Natürlich. Also … also, ich bin Louisa, siebenundzwanzig Jahre alt, arbeite als Floristin und schreibe Liebesgeschichten. Drei bisher.“

„Jetzt ich“, mischt sich Maxime ein, als Louisa Luft holt.

Gordons Blick hat aufmerksam auf ihr geruht. Jetzt ignoriert er Maximes Einwurf. „Welche Art von Liebesroman?“, erkundigt er sich bei Louisa.

„Welche … welche Art?“

„Humorvoll? Romantisch? Gay? Mit Krimieinschlag? Oder gar Horror? Setting in Österreich? Oder in Amerika? New Adult? Contemporary Romance? Fantasy?“

Louisa lacht. „Schon verstanden. New Adult bislang. Aber ich mag noch andere Sachen ausprobieren. Abenteuerroman klingt sehr spannend.“

Er nickt. „Ist es.“

„Wovon handelt dein Buch?“, fragt Louisa.

„Zwei Brüder, die auf eine Wanderung gehen und dabei flüchtigen Verbrechern in die Hände fallen. Und was passiert bei dir, Louisa?“

Ihre Wangen röten sich. „Oh, das ist ganz unterschiedlich. Einmal …“

„Wenn jetzt alle von ihren Romanen erzählen, werden wir heute nicht mehr fertig“, gibt Maxime sauertöpfisch zu bedenken. „Also kurz zu mir …“

Während der restlichen Vorstellungsrunde höre ich nur mit halbem Ohr hin. Für mich sind sie alle Familie. Meine Schreibfamilie. Fabian, Martin, Louisa und Beth waren von Anfang an dabei. Andreas, Waltraud, Sophie und Maxime sind später zu uns gestoßen. Ich weiß mehr über diese acht Menschen als über meine leibliche Familie.

Schließlich sind alle einmal dran gewesen. Ich finde unsere Mischung von Altersgruppen und Genres und Interessensgebieten gut. Für einen Außenstehenden muss das alles jedoch ziemlich verwirrend sein.

„Jetzt bist wieder du an der Reihe“, meine ich schließlich. „Hast du einen Text dabei?“

Er nickt, kramt in seiner Tasche und holt einen Stapel ausgedruckter Zettel hervor. „Ist es egal, welche Stelle ich lese?“

„Nimm irgendeine, die du gerne magst“, schlage ich vor. Der macht es ja spannend!

Gordon blättert vor und zurück. Als er innehält, erscheint ein schelmisches Lächeln auf seinem Gesicht. Zuerst hebt er den Kopf und sieht in die Runde. „Ich hätte da etwas, das den Damen gefallen sollte.“ Die Frauen starren ihn fasziniert an. Dann legt er seine Tasche zur Seite, räuspert sich und blickt in seine Unterlagen.

Ich unterdrücke ein Seufzen und strecke meine Beine lang. Es handelt sich bestimmt nur noch um Stunden, bevor er beginnt.

Er hebt den Zettel etwas an, um besser lesen zu können. „Sie beugte sich nach vorne und flüsterte in mein Ohr: ‚Du weißt, was gleich passieren wird, wenn du nicht die Flucht antrittst, oder?‘“

Ist er ein Krimiautor? Klingt jedenfalls ziemlich unheimlich.

„Ihre Brüste drückten sich gegen meinen Hinterkopf. Ich kippte meinen Oberkörper leicht nach hinten, um in ihrer Weichheit und ihrer Fülle schwelgen zu können. ‚Ach, Babe! Zuerst habe ich dich nur als Spielzeug betrachtet, mit dem ich meine Gelüste stillen kann. Doch inzwischen bedeutest du mir mehr. Soviel mehr. Ich liebe dich, Babe.‘ Sie gab einen verzückten Laut von sich, kam um das Sofa herum und setzte sich auf meinen Schoß. ‚Ich liebe dich auch. Ich will für den Rest meines Lebens dein exklusives Spielzeug sein.‘ Zufrieden küsste ich sie.“

Was zur Hölle …!?

Jemand seufzt verträumt.

„Meine Zunge glitt über ihre weichen Lippen, die sich einladend öffneten. Ich legte eine Hand an ihren Hinterkopf, krallte meine Finger in ihre Haare, um sie festhalten zu können. Nach einem kurzen, stürmischen Kuss zog ich ihren Kopf zurück. Ihr Stöhnen klang wegen meines straffen Griffes teils schmerzhaft, wegen meinen sanften Berührungen teils erregt. Sie erbebte, als ich mich über ihren Hals tiefer küsste und an der Stelle über ihrem Schlüsselbein saugte.“

Entsetzt schaue ich in die Runde, entdecke ein paar rote Ohren, glänzende Augen. Na, prima.

„Mit Lippen und Zunge bearbeitete ich ihre Schulter, bis sie nur noch aus Zittern bestand. Langsam drängte ich sie runter auf das Sofa. Dann streifte ich ihr die Träger ihres engen, kurzen Kleides herunter und widmete mich ihren prallen Hügeln. Währenddessen konnte ich mit einer schnellen Bewegung ihr Kleid bis zu ihrer Taille hochschieben.“

Dazu würde er aber drei oder mehr Hände brauchen!

„Meine Finger strichen über ihre Oberschenkel, verschwanden dazwischen. Stöhnend wand sie sich unter mir. Zuerst leckte ich über ihren flachen Bauch. Sie bäumte sich auf, als ich meine Zunge schließlich in ihrem …“

„Das reicht!“, rufe ich. „Ich glaube, wir haben ausreichend gehört.“

„Lies weiter“, bittet, nein, bettelt Maxime.

„Wenn Jonas genug hat, sollte ich aufhören. Vielleicht ist er zu prüde.“ Er schickt mir ein freches Grinsen.

„Ich bin nicht prüde. Aber das ist nicht gerade das, was wir zur Aufwertung unserer Gruppe brauchen.“

„War ja auch nur ein Fragment. Später, nachdem er die Kleine vernascht hat, wird er sie in seinen Folterkeller bringen und häuten.“

Wer zum Geier seufzt denn da immer noch so hingerissen? Die Frauen hat er anscheinend schon auf seine Seite gezogen. „Nun, das ist trotzdem nicht …“

„Ein Gedicht“, schlägt er vor. „Wie wäre es mit einem Gedicht?“

Zustimmendes Gemurmel.

Ich verschränke die Hände vor der Brust.

Mit leiser Stimme beginnt er seinen Vortrag, hält ab und zu inne, lässt den Worten Raum, bis sie das ganze Zimmer füllen.

„Schicht für Schicht abgezogen.
Ein Geheimnis nach dem anderen gelüftet.
Seziert und zerpflückt.
Abgeschält bis auf den Knochen.
Blutend lieg ich hier.

Ich will mein Herz zwischen diese bloßgelegten Organe stopfen.
Und dann will ich so etwas wie dich nie wieder brauchen.“

Alle hängen an seinen Lippen. Als er fertig rezitiert hat, ist es vollkommen still.

Ich schlucke. Leider finde ich das Gedicht wirklich gut. Jedenfalls besser als dieses schmalzige, blutrünstige Zeug von vorher. „Nicht schlecht“, murmle ich schließlich und breche den Zauber, mit dem er seine Zuhörer gebannt hat.

Die anderen beginnen zu klatschen. Versuch eins, ihn loszuwerden, ist gescheitert.

Man gratuliert ihm. Sogar die schüchterne Louisa, die neben ihm sitzt, berührt ihn kurz am Arm. In ihrem Gesicht lese ich, wie sehr ihr der Neue gefällt. Ihre Wangen sind gerötet. Sie versteckt sich hinter ihrer Brille und ihrem Pony. Allerdings wandert ihr Blick immer wieder zu Gordon.

Bis auf Maxime sind die Frauen der Truppe vergeben. Maxime und Gordon: das funktioniert nicht. Das habe ich sofort gesehen. Aber Louisa interessiert sich ehrlich für den Schotten. Ich habe sie noch nie so fasziniert gesehen.

Das kann nicht sein. Ob die beiden wirklich zusammenpassen? Ich kippe den Kopf, bis ich über den Rand meiner Brille hinweg einen Blick auf Gordon werfen kann.

Bilder in meinem Kopf. Gordon lächelt jemanden an, mit dem er Händchen hält. Ich kann die Person nicht erkennen, weil sie gerade hinter einer breiten Säule verschwindet.

Jetzt zu Louisa.

Auch sie hält Händchen, mit jemandem der links außerhalb meines Gesichtskreises steht. Verflixt.

Wenn ich rasch von einem zum anderen schaue, wirkt es, als würden die beiden sich an der Hand halten. Im Hintergrund bei beiden bemerke ich eine holzvertäfelte, weiß gestrichene Wand. Jemand hat bunte Wimpel aufgehängt, die sowohl hinter Louisa als auch Gordon zu sehen sind. Das passt alles zusammen. Geht doch.

Anscheinend sind Louisa und Gordon füreinander bestimmt.

Dieser Gedanke muss erst mal sacken. Schließlich mag ich den Riesen nicht. Ich denke, Louisa hat etwas Besseres verdient. Noch kann ich mir nicht vorstellen, dass der breitschultrige, Frauen wie Motten anziehende Kerl der Richtige für die schüchterne, ruhige, grundehrliche Louisa ist. Aber dem Schicksal kann ich mich wohl nicht in den Weg stellen.

„Ich danke euch für euer Lob“, unterbricht der Schotte meine Gedanken. Er lächelt Louisa mit einem Ausdruck in den Augen an, der für mich eindeutig wie Interesse wirkt. Die beiden muss ich vielleicht nur kurz schubsen.

„Da wir die Vorstellungsrunde jetzt hinter uns haben, können wir vielleicht zu unserer Ursprungsdiskussion zurückkehren. Wir müssen eine Möglichkeit suchen, auf der Messe etwas aus unseren Büchern vorzutragen. Hat jemand eine Idee?“

„Ich war letztes Jahr in Frankfurt“, mischt sich Gordon ein. „Lesungen finden da nur an Ständen statt oder werden von Verlagen veranstaltet. Für eine Autorengruppe ist das leider nicht so einfach möglich.“

Damit nimmt er mir ordentlich den Wind aus den Segeln. Unser neunmalkluger Neuzugang vernichtet den Rest unserer Hoffnungen. Jetzt lese ich in den Gesichtern der anderen Verunsicherung. Na, toll. „Dann war’s das wohl mit unserem Messeauftritt.“

„Nicht ganz. Die Lesung muss ja nicht direkt auf der Messe stattfinden. Es gibt genug Lokale drum herum, in die man Leser und Blogger einladen könnte.“

Gordons Idee ist gar nicht mal so schlecht. Verdammt.

„Am Messewochenende nehmen die meisten Lokale aber nicht mal Reservierungen entgegen“, meldet sich Fabian zu Wort. „Ich wollte mit meiner Familie am Freitag schön essen gehen, weil meine Frau und ich da gerade Hochzeitstag feiern. Bislang war ich erfolglos.“

„Wir könnten uns im Hotel erkundigen, ob sie uns einen Raum zur Verfügung stellen.“

„Das ist einen Versuch wert“, gebe ich widerwillig zu. „Ich kümmere mich um eine Anfrage. Hat jemand Fragen, Anmerkungen? Will jemand über ein Projekt sprechen?“ Ich sehe zu Waltraud.

„Darf ich euch eine Stelle aus meinem Roman vorlesen?“, erkundigt sie sich auch wirklich.

Mit einem höflichen Lächeln nicke ich und ignoriere das Stöhnen von Andreas. Waltraud fühlt sich bei ihren Texten immer unsicher. Zugegebenermaßen sind ihre Heimatromane auch nicht ganz mein Stil. Aber wir haben versprochen, füreinander da zu sein.

Eine halbe Stunde später löse ich die Versammlung auf. Während ich mir ein paar Notizen mache, leert sich der Raum.

3. Kapitel

GORDON

Dieser Jonas ist ein seltsamer Kerl. Mein Auftauchen bringt ihn anscheinend ziemlich aus dem Konzept. Als Maxime mir von ihm erzählt hat, klang ihre Beschreibung nach einem ruhigen, kontrollierten, zu Wundern fähigen Übermenschen. Gerne würde ich ihn mal aus der Reserve locken. Ich beobachte amüsiert, wie er sich in sein Notizbuch vergräbt.

„Kommst du?“, fragt Maxime.

Die meisten haben sich bereits verabschiedet. Es sollte mich nicht überraschen, dass Maxime glaubt, ich würde mit ihr gemeinsam verschwinden. Sie hat ihr Interesse an mir sehr deutlich gemacht. Leider hat sie keine Chance bei mir. Bei Jonas sieht die Sache schon anders aus.

„Tut mir leid. Ich möchte den Chef gerne noch etwas zu meiner Aufnahme in eure Gruppe fragen. Und danach muss ich möglichst schnell ins Bett. Ich habe morgen sehr früh schon einen wichtigen Termin.“

„Wäre doch schade, wenn du die Zeit bis dahin nicht gut nutzen würdest. Wir beide könnten noch was zusammen trinken gehen.“ Sie schenkt mir einen Schlafzimmerblick.

„Dein Angebot ist sehr verlocken, aber ich kann nicht. Ich rufe dich die Tage mal an.“ Ich packe meine Sachen in meine Tasche.

Statt zu gehen und die Abfuhr gelassen hinzunehmen, macht sie einen Schritt auf mich zu. „Vielleicht morgen?“

Ich darf es mir mit ihr nicht verscherzen. Nur durch sie habe ich so schnell gefunden, was ich gesucht habe. Wir werden ab jetzt regelmäßig miteinander zu tun haben. „Mal sehen. Aber …“ Wie kann ich sie mir höflich vom Hals halten? „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Erst muss ich mich hier wieder einleben.“

Sie versucht es mit einem schiefgelegten Kopf und einem verführerischen Lächeln. „Sowas lässt sich nicht planen. Manchmal trifft man völlig unerwartet auf eine neue Liebe.“

Oh, das weiß ich. Doch wenn ich mich überstürzt auf eine neue Flamme einlassen würde, hätte Jonas bessere Chancen als sie. „Tut mir leid, Maxime. Du bist eine tolle Frau, aber das mit uns wird nichts.“

„Wir werden sehen.“ Ihre Stimme klingt verletzt. Dennoch zwinkert sie mir zu und stolziert davon.

Ich schüttle den Kopf. Vielleicht hätte ich ihr die Wahrheit sagen sollen. Aber ich platze nicht vor völlig Fremden damit heraus.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf die Person, die tatsächlich mein Interesse geweckt hat. Ich gehe zu Jonas. „Danke, dass ich mit dabei sein darf. Mir ist deine Skepsis nicht entgangen. Aber du wirst deine Entscheidung nicht bereuen.“

Er sieht hoch. Seine Stirn legt sich in Falten. Wahrscheinlich ist ihm klar, dass er dabei nicht viel mitzureden gehabt hat. Er muss sich ziemlich überrumpelt gefühlt haben.

„Wir werden sehen, ob wir gut zusammenarbeiten“, sagt er. „Vielleicht sollten wir uns treffen, damit ich dir ein wenig mehr über uns erzählen kann.“

Gute Idee. Sehr gute Idee. Wie cool, dass er es mir so leicht macht. Ich glaube, über seine Orientierung muss ich keine Zweifel mehr haben.

Jetzt steht er auf und beginnt, die Tische an ihren ursprünglichen Platz zu schieben.

Ich packe mit an. Gemeinsam kommen wir gut voran.

„Wir werden Louisa fragen, wann sie Zeit zu einem Treffen hat“, fährt er fort.

„Louisa?“ Was zum Teufel hat die bei unserem Date zu suchen? Will er sein Interesse nicht zu deutlich zeigen?

Sein Lächeln wirkt gezwungen. „Ja, klar. Sie hilft mir, den Überblick über gemeinsame Projekte zu behalten. Wenn sie nicht wäre, würde alles in Chaos versinken.“

„Dann sollte sie unbedingt mit dabei sein. Ich gebe dir meine Nummer. Sag mir einfach Bescheid, wann es für euch beide passt.“ Irgendwie werde ich sie schon los. Mein Plan steht. Jonas und ich werden uns näher kennenlernen. Viel näher. Auch wenn ich noch nicht viel von ihm erfahren habe, finde ich ihn schon heiß.

„Ich melde mich bald. Versprochen.“

Oh, er hat es eilig? Das kommt mir sehr gelegen. „Cool. Freu mich drauf.“ Und wie! Wenn er wüsste!

[…]

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