Ein Professor, eine Sängerin und das Geheimnis um die Marseillaise

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Das Geheimnis des Komponisten

Die Marseillaise, die tatsächlichen Gerüchte über ihren wahren Komponisten und die fiktive Geschichte eines Mannes auf der Suche nach Wahrheit.

Der Ruppersthaler Komponist Ignaz Joseph Pleyel ist der wahre Komponist der Marseillaise! Zeit seines Lebens hat Professor Christian Obermann versucht, diese Theorie zu beweisen, und nun scheint endlich die Originalpartitur der Marseillaise gefunden worden zu sein. Der Professor soll für einen mysteriösen Fremden ein Gutachten mit dem Inhalt erstellen, dass es sich bei der Handschrift um die von Ignaz Joseph Pleyel handelt.
Sara Obermann teilt mit ihrem Vater nur die Liebe zur Musik. Trotzdem macht sie sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Vater. Kann Sara den Motiven des attraktiven Privatdetektivs trauen, der ihr seine Hilfe anbietet? Warum schweben durch das Rätsel plötzlich Menschen in Gefahr?

Covergestaltung: Tom Jay
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Leseprobe

Prof. Dr. Christian Obermann starrte auf das Blatt Papier in seinen zitternden Händen. Als er noch jung gewesen war, hatte er von diesem Moment geträumt. Nun, Anfang fünfzig, leicht ergraut und desillusioniert, war er sich nicht sicher, was die Existenz dieses Schriftstückes für ihn bedeutete.

»Errare humanum est[1]«, mahnte sich Obermann leise zur Ruhe. Doch die Hoffnung war tief in seinem Herzen bereits auf fruchtbaren Boden gefallen. »Das ist eine Fälschung. Das muss es ganz einfach sein«, murmelte er, während er mit geübtem Blick das Blatt überflog und versuchte, die Art des Papiers und des Schreibgerätes trotz der schlechten Kopie zu analysieren. Minutenlang konnte er seine Augen nicht davon abwenden. Wenn Papier und Tinte aus der richtigen Epoche stammten, würde endlich einem Musiker die Ehre zuteil, die er sich vor langer Zeit verdient hatte.

»Wie ist dieses Dokument in Ihre Hände gelangt?«, fragte er schließlich atemlos.

Der Mann auf seiner Wohnzimmercouch, der vor einer Viertelstunde überraschend an seine Haustür geklopft und um Einlass gebeten hatte, betrachtete eingehend die Finger seiner rechten Hand, bevor er den Kopf hob. »Das ist nicht wichtig. Sie müssen nur wissen, dass ich es besitze. Nähere Informationen erteile ich Ihnen erst, wenn wir geklärt haben, ob Sie mir helfen können.«

»Darf ich fragen, was genau Sie von mir erwarten? Ich verstehe noch nicht, weshalb Sie damit zu mir kommen.« Verwirrt blickte der Ältere zu dem Mann, der in seinem edlen, dunklen Maßanzug auf Obermanns abgenutzter Couch seltsam deplatziert wirkte. Vom Wohlstand des Fremden zeugte auch der altmodische, mit einem Goldknauf besetzte Gehstock, der neben seinen überschlagenen Beinen lehnte.

»Nun, das liegt doch auf der Hand«, erwiderte der Angesprochene bedächtig. »Sie, Herr Professor, sind einerseits ein bekannter Forscher auf diesem speziellen Gebiet und andererseits ein allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Urkundenuntersuchung, Schriftwesen und Handschriftenuntersuchung. Außerdem stehen Sie in dem Ruf, jedem Geheimnis auf den Grund gehen zu wollen. Wie ich erfahren habe, sind Sie einer der führenden Verfechter der These, dass dieses Schriftstück existiert und nur durch eine Verschwörung der Öffentlichkeit vorenthalten wurde.«

»Dass mir mein Ruf auf diese Weise vorauseilt, war mir nicht bewusst. Vor Jahren habe ich mich zuletzt mit diesem Thema befasst«, lächelte der Professor. »Ich hatte eine nicht erklärbare Ahnung, eine irrationale Hoffnung, dass das Original nicht verbrannt ist, aber eine Verschwörung habe ich nie dahinter vermutet. Außerdem würde ich mich selbst nicht als Forscher bezeichnen. Meiner Ansicht nach bin ich ein Studierender auf den Pfaden der Vergangenheit.«

Die blauen Augen des Unbekannten durchbohrten ihn, ohne dabei eine Regung zu zeigen. »Ich hoffe doch, dass Sie der Richtige sind, um die Echtheit der Partitur zu bestätigen.« Die einzelnen Worte schwebten an die Oberfläche wie Luftbläschen in einem Glas Champagner.

Professor Obermann hatte das Gefühl, als würde die Erde einen winzigen Augenblick stillstehen. Angehalten von einer einzigartigen, alles möglich machenden Macht: der Hoffnung. »Sie besitzen das Original zu dieser Kopie? Besteht die Möglichkeit, dass ich es sehen kann?«, erkundigte er sich aufgeregt.

»Zum jetzigen Zeitpunkt lege ich Ihnen lediglich die zweite Seite der Partitur in Kopie vor. Das Original ist an einem sicheren Ort verwahrt, während die fehlenden Seiten gerade geborgen werden. Sobald ich sie gefunden habe und sie von Ihnen authentifiziert worden sind, sind Ihnen die folgenden Schritte wohl klar.«

Der Professor nickte und trat an seine Leselampe, um das Papier näher zu betrachten. Die Bedeutung war ihm nur zu bewusst. Sie würden über sechzig Millionen Menschen gegen sich aufbringen. »Was wollen Sie mit dieser ungewöhnlichen Wortwahl ausdrücken: dass es geborgen wird?«

»Es ist kompliziert, aber nichts, was Sie belasten muss«, versicherte der Besucher mit einer Stimme, die wie ein eisiger Hauch in einer nebeligen Nacht klang.

Obermann ignorierte das seltsame Gefühl, das über seinen Rücken kroch. »Wo ist die Seite gefunden worden?«

Dem Fremden war deutlich anzumerken, dass er sich bei der Frage des Professors nicht wohl fühlte. »Das wird noch geheim gehalten. Das ist doch kein Problem, oder?«

»Solange ich das Original nicht begutachtet habe, muss ich nicht wissen, woher es kommt. Im Zuge der Erstellung des endgültigen Gutachtens, das Sie sicher von mir erwarten, ist der Ursprung allerdings von immenser Wichtigkeit«, erklärte er, während sein Blick weiterhin auf die Partitur gerichtet war.

Für Außenstehende musste seine Begeisterung schwer zu verstehen sein. Wer forschte schon ein halbes Leben lang nach einem Dokument, das er zu einem Zeitpunkt, als er die Hoffnung bereits aufgegeben hatte, plötzlich in Händen hielt? Doch der Fremde schien bei aller Gelassenheit, die er an den Tag zu legen versuchte, sein großes Interesse zu teilen.

»Es wird auf jeden Fall niemand anderes Besitzansprüche an dem Originaldokument anmelden können. Die Papiere stehen rechtlich mir zu. Sobald ich ein paar letzte kleine Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt habe, werde ich Ihnen Genaueres verraten können.«

Der Professor versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er musste die Entdeckung von der wissenschaftlichen und nicht von der emotionalen Seite beurteilen, so schwer ihm das auch fallen mochte. Bei der Kopie in seinen Händen handelte es sich um die zweite Seite einer handschriftlichen Partitur der Marseillaise. Das allein war nicht die großartige Entdeckung, die hinter diesem Fund steckte. Der Geschichte zufolge war die Marseillaise von Claude-Joseph Rouget de Lisle in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 komponiert worden. Am 14. Juli 1795 war die Marseillaise, die zuvor den Titel »Kriegslied für die Rheinarmee« getragen hatte, zur französischen Nationalhymne erklärt worden.

Doch diese Partitur hier stammte nicht von Rouget de Lisle. Professor Obermann erkannte die Schrift des Komponisten Ignaz Josef Pleyel, da er sich ausführlich mit ihm befasst hatte. Dieser war am 18. Juni 1757 in Ruppersthal, dem Heimatort von Obermann, zur Welt gekommen. Es war zu der Zeit gängige Praxis gewesen, dass mittellose Musiker ihre Kompositionen an wohlhabendere Kollegen verkauft hatten. Eine Möglichkeit, die der Professor stets als wahrscheinlich erachtet hatte. Mit dieser Partitur wäre der Verkauf vielleicht beweisbar.

[1]     Irren ist menschlich.

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„Das Geheimnis des Komponisten“
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