Eine selbstbewusste Frau, ein Herzensbrecher und ein Lied in der Nacht

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Des Verführers Gast von Ester D. Jones

Amerika / 1866
Seit dem Tod ihrer Eltern und Brüder ruht die Verantwortung für ihre jüngere Schwester, einem wahren Wildfang mit Vorahnungen von der Zukunft, auf den Schultern von Jaqueline Mornington. Der Heiratsantrag von David Deroware würde Jacky einen Ausweg aus ihrer finanziell angeschlagenen Situation bieten. Sie möchte allerdings keine Vernunftehe eingehen. Da findet Jacky sich unerwartet als Gast eines bekannten Verführers wieder. Sie muss feststellen, dass es unmöglich scheint, sich dem Charme dieses Mannes zu entziehen. Bleibt die Frage, ob Jacky das überhaupt möchte.

Ein Blick auf Jacky, und Clive möchte sie näher kennenlernen. Ein Lied in der Nacht, eine verbotene Beobachtung, ein unerwarteter Kuss, und Jackys Schicksal ist aus Clives Sicht besiegelt. Aber kann eine Frau, die an die große Liebe glaubt, sich mit weniger zufriedengeben?

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Leseprobe

  1. Kapitel

Amerika / 1866

Die junge Frau auf dem Bahnsteig wirkte einsam und verloren. Ihr langes, braunes Haar flatterte im Wind, während sie blicklos in die Ferne starrte. Obwohl sie sich direkt vor ihren Augen befanden, registrierte sie weder die aus Holzlatten gezimmerten Häuser, von denen die Farbe abblätterte, noch die ungepflegten Vorgärten an der staubigen Straße. Die heruntergekommene Gegend unterschied sich nicht wirklich von unzähligen anderen, von den Nachwehen des Krieges gebeutelten Orten. Und bis sie am Ende ihrer Reise angelangt war, würden noch unzählige weitere dieser namenlosen Dörfer an ihr vorbeiziehen.

Sie zog den groben, abgewetzten Stoff ihrer Jacke enger um sich. Aus ihrer Sicht schien es zu kalt für diese Jahreszeit. Fern von der Heimat empfand sie die Luft wohl auch kühler als sie wirklich war. Sehnsüchtig dachte sie an ihr Zuhause. An die kleine, gemütliche Farm, in der stets Lachen zu hören war.

Ihre Eltern waren freundliche Menschen gewesen und hatten stets jeden willkommen geheißen, der an ihre Tür klopfte. Viele kamen als Fremde zu den Morningtons und gingen als Freunde. Auf der Veranda ihrer Farm spannten sie eigens für Übernachtungsgäste eine Hängematte.

„Wir beherbergen pro Jahr mehr Leute als das Hotel im nächsten Ort“, witzelte Adam.

„Ich darf dir widersprechen, Bruderherz“, warf Jacky damals ein. „Der Unterschied zwischen dem Waltmans und uns besteht darin, dass das Hotel mit seinen Gästen Geld verdient und wir nicht.“

Jedes Wochenende versammelte sich im Sommer außerdem die Nachbarschaft in ihrem Garten, um Neuigkeiten auszutauschen und Probleme zu besprechen. Diese Tradition begründete sich schon vor Jackys Geburt. Damals half Jackys Vater Geschichten zufolge mit viel Geschick zwei Familien, einen lange bestehenden Streit niederzulegen.

Es war der ganz besondere Charme der Morningtons, der sie so beliebt machte. Wenn sich Jacky an sie zurückerinnerte, sah sie ihre Eltern immer lächeln. Doch nun waren sie tot. Dahingerafft im Krieg, genau wie ihre beiden Söhne.

Schmerz durchzuckte Jackys Herz. Sie zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung. Ihr Leid würde es ihr nicht leichter machen, in dieser Welt zurechtzukommen. Sie musste an ihre Schwester Annabell denken. Wenn sie sich nicht um sie kümmerte, wer sollte diese schwere Aufgabe dann übernehmen?

Seit dem Tod ihrer Eltern vor einem Jahr hatte Jacky mit Hilfe ihrer Schwester mehr recht als schlecht versucht, die Farm in Schuss zu halten. Nun hatte sie schweren Herzens aufgeben müssen. Es fehlte ein Mann im Haus, der von Arbeitern akzeptiert wurde. Sie hatten alles weggeschlossen, die Fenster und Türen vernagelt und schließlich die Farm verlassen. Jacky war es nicht leicht gefallen, aber sie hatte einsehen müssen, dass es keinen anderen Weg gab. Sie hoffte nur, dass die Farm in ihrer Abwesenheit nicht geplündert wurde. Ob bei ihrer Rückkehr neue Bewohner auf sie warten würde? Würden sie tierischer oder menschlicher Natur sein? Es blieb zu hoffen, dass sorgsam mit ihrem Eigentum umgegangen wurde, egal um wen es sich bei den Besuchern handelte.

Leise seufzte sie. In diesem Moment stürzte Annabell aus dem Stationshäuschen. Ihre brünetten Zöpfe flogen, und ihre blauen Augen blitzten. „Jacky, ich habe einen Mann getroffen, der auch auf dem Weg nach Similtown ist. Was für ein schöner Zufall.“

Jacky lächelte ihre Schwester liebevoll an. „Hast du schon wieder mit fremden Leuten gesprochen, Bell? Wir hatten doch abgemacht, dass du dich etwas zurückhältst.“

Annabell blickte betreten. „Tut mir leid. Es kommt nicht wieder vor.“ Dann zog sie Jacky am Ärmel. „Das ist er.“

Aus der Tür trat ein Mann, der mit seinen hellbraunen kurzen Haaren und seinen grau-blauen, freundlich wirkenden Augen kaum älter als Jacky schien. Jacky musste zugeben, dass er sehr gut aussah, mit ein wenig zu weichen Gesichtszügen vielleicht, aber sehr flott zurechtgemacht. An seiner überkorrekten, modischen Kleidung erkannte sie, dass er aus gutem Haus stammen musste. Der elegante, leicht zu knitternde und verschmutzende Stoff war nicht gerade das, was sie für eine lange, unkomfortablen Reise mit dem Zug gewählt hätte. Trotzdem fühlte sie sich in ihrem abgetragenen Kleid noch schäbiger als zuvor.

Der Fremde kam auf die beiden Frauen zu.

„Mein Name ist David Deroware. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Er verbeugte sich galant.

Jacky lächelte. Ihr Blick wanderte zu dem aufwendigen Knoten seiner auffälligen Krawatte. Sie war in modischen Dingen nicht sonderlich bewandert, doch sie glaubte, dass es sich um einen Windsor-Knoten handelte. „Jaqueline Mornington. Sehr erfreut. Meine Schwester Annabell haben Sie bereits kennen gelernt, wie ich höre.“

„Das stimmt.“ Seine Augen blitzten vergnügt, und er beugte sich zu Annabell. „Wir haben uns schon angefreundet.“

Annabell strahlte zu ihm auf, und Jacky wurde klar, dass ihre Schwester für diesen jungen Mann schwärmte. Hoffentlich verrannte sie sich da in nichts. Bell war mit ihren siebzehn Jahren zwar im heiratsfähigen Alter, der junge Mann stammte seinen Manieren nach zu schließen allerdings aus einer Gesellschaftsschicht, der sie sich niemals zugehörig fühlen durften.

Sie blickte sich auf dem Bahnsteig um. Außer ihnen wartete nur noch ein älteres Ehepaar auf die Abfahrt. Jacky war sich nicht sicher, ob sie diese Tatsache eher beunruhigend oder erfreulich bezeichnen sollte.

„Ich habe erfahren, dass Sie alleine nach Similtown reisen.“

Jahre später sollte sie diese Begegnung als schicksalshaft bezeichnen. Im Moment ärgerte Jacky sich allerdings nur über die Tatsache, dass Bell die Gutmütigkeit ihrer Eltern geerbt hatte. Wenn ihre Offenherzigkeit Fremden gegenüber nicht gar als weltfremd zu bezeichnen war. Sie warf ihrer Schwester einen strengen Blick zu. „Meine Schwester scheint sehr gesprächig gewesen zu sein.“

Es stand ihnen eine anstrengende Reise nach Browtown mit einem Zwischenstopp in Similtown bevor. In Browtown wollten sie Matt Mornington aufsuchen. Bei Onkel Matt handelte es sich um den jüngeren Bruder ihres Vaters. Nach dem Tod ihrer Eltern und ihrer Brüder war der selten korrespondierende Onkel ihre einzige Hoffnung, um für ihre Schwester sorgen zu können. Vielleicht konnte er Bell bei sich aufnehmen. Eine kleine Kammer würde Bell schon reichen. Jacky selbst würde irgendwo Arbeit finden. Was sollte der Onkel auch mit zwei jungen Frauen anfangen? Sie war als ältere Schwester dafür verantwortlich, dass es Annabell gut ging. Und wenn Jacky dazu bei fremden Leuten auf Knien Fußböden schrubben musste, dann würde sie das selbstverständlich in Kauf nehmen.

Mr. Deroware lachte in ihre Gedanken hinein. „Keine Sorge. Sonst hat Ihre Schwester mir keine persönlichen Informationen verraten. In Anbetracht der Umstände wäre es mir eine Ehre, wenn Sie sich unter meinen Schutz stellen. Mich begleiten zwei Diener, die Ihnen selbstverständlich zur Verfügung stehen.“

„Danke, das ist sehr freundlich aber nicht notwendig“, machte Jacky klar. „Allerdings würde es mich sehr beruhigen, wenn wir uns Ihnen anschließen dürften. Mir scheint, als würden zwei Frauen, die alleine unterwegs sind, verstärkt die Aufmerksamkeit von Männern auf sich lenken.“ Bei diesen Worten vermied sie es, Bell neuerlich mit einem missbilligenden Blick zu strafen.

[…]

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