„Im Wettstreit der Gefühle“ von Ester D. Jones

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Eine riskante Wette, eine überstürzte Flucht und Missverständnisse – Historical

„Im Wettstreit der Gefühle“ von Ester D. Jones

Als Erin nach einem Reitunfall aus der Ohnmacht erwacht, kann sie sich an ihr Leben im Waisenhaus nicht mehr erinnern. Auch nicht an das unverschämte Verhalten des Clanführers Liam MacNeal. Die junge Frau weiß nur, dass sie sich unwiderstehlich zu ihrem Retter Liam hingezogen fühlt. Liam ergreift die Chance, Erin für sich zu gewinnen. Gibt es für die zwei Liebenden eine Zukunft, obwohl Erin – aus Liams Sicht – zum unpassendsten Zeitpunkt ihr Gedächtnis wiedererlangt?

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Leseprobe

Schottland

Die Sonne lachte auf Erin nieder. In einem Land, in dem der Himmel viel zu oft von Wolken bedeckt war, erschien das schon wie Spott. Erin ritt einsam über die moosbewachsene Ebene. So nichtssagend waren sonst nur Schwester Catrionas Waffeln, die es sonntags im Waisenhaus gab. Vereinzelt konnte Erin in der Umgebung niedrige Sträucher sowie ab und an einen Baum entdecken. Sie stellten die einzigen, mickrigen Schattenspender dar. Selbst in der Ferne erstreckte sich das ernüchternde Grün.
Erin drückte ihrem Pferd die Fersen in die Flanken, doch die Stute weigerte sich, an Geschwindigkeit zuzulegen. Aus Sorge, an der nahe ihrem Zuhause gelegenen Grenze zwischen England und Schottland englischen Soldaten in die Hände zu fallen, hatte sie sich nach Norden gewandt. Wenn sie sich nur für eine andere Himmelsrichtung entschieden hätte! Sie ritt nun schon seit Stunden über die grüne Fläche und hatte die Orientierung länger verloren, als die Säuberung des Bodens im ersten Stock des Waisenhauses gedauert hätte. Sie musste aus dieser Hölle entkommen, sonst würde sie verdursten. Schon bald. Denn das Wasser war ihr schon vor langer Zeit ausgegangen. In ihrem geliebten, charakterstarken Schottland sollte sie ausgerechnet an solch einem freudlosen Ort sterben?
Sie setzte die Öffnung des Wassersacks nochmals an ihre spröden Lippen, um wenigstens einen kleinen Schluck der lebensrettenden Flüssigkeit zu erlangen. Wie bei den anderen Versuchen zuvor musste sie feststellen, dass das Behältnis keinen einzigen Tropfen mehr enthielt. Die Wahrscheinlichkeit, lebend aus dieser Fegefeuer ähnlichen Hitze zu gelangen, war gering. Erin hatte nur noch die Hoffnung, rechtzeitig gefunden zu werden. Jedoch musste sie sich eingestehen, dass das mehr als unwahrscheinlich war. Schließlich kannte niemand ihren aktuellen Aufenthaltsort. Niemand ahnte, dass sie nicht auf dem Weg zum Markt, sondern weggelaufen war. Niemand wusste um die Geschehnisse außer dem einzigen Menschen auf Erden, den sie in ihrem Leben nie wiedersehen wollte.
Angesichts ihrer misslichen Lage verfluchte sie den Mann, durch den sie in diese beängstigende Situation gestolpert war. Hätte er sie nicht vor zwei Tagen zu dieser Dummheit provoziert, würde sie jetzt in einem gemütlichen Haus im Schatten sitzen und könnte so viel Wasser trinken, wie sie wollte. Obwohl sie selbst wusste, dass sie sich damit nur selbst quälte, benötigte sie diese Vorstellung, um nicht zu vergessen, wie sehr sie diesen Mann hasste. Und den Hass brauchte sie, um wenigstens noch eine Weile zu überleben.
Darum erinnerte sie sich selbst immer wieder von neuem daran, was er ihr angetan hatte. Erleichtert verspürte sie den schon vertrauten Zorn in sich aufsteigen. Eines wusste sie mit Bestimmtheit. Der Tag, an dem sich ihr Liam MacNeals wahrer Charakter offenbart hatte, war der schlimmste in ihrem Leben gewesen. Obwohl MacNeals Mangel an Ehrenhaftigkeit sie angesichts seines Rufes als verdorbener Lebemann nicht hätte überraschen dürfen.
Liam MacNeal. Der Herr des mächtigsten Clans der Highlands. Muskelbepackt, eingebildet, überheblich und aufdringlich. Der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte, mit der Süßholz raspelnden Zunge eines Engels und der schwarzen Seele des Teufels.
Sie hatte seit dem ersten Tag ihrer Bekanntschaft gehofft, ihn durch unhöfliches Benehmen und bissige Worte dazu bewegen zu können, sich ein willigeres Opfer für seine Begehrlichkeiten zu suchen. Doch er schien von ihrem abweisenden Verhalten nur noch mehr angestachelt worden zu sein. Und dann hatte sich sein penetrantes Werben zu einem Drama zugespitzt, dank dessen sie sich nun hier befand.
Ob MacNeal sie noch immer verfolgte? Sie warf einen Blick über ihre Schulter, konnte allerdings niemanden entdecken. Allerdings war ihre Sicht aufgrund ihrer Erschöpfung getrübt. Möglicherweise befand er sich immer noch hinter ihr.
Wenn sie es recht überlegte, konnte sie die Hartnäckigkeit des doppelzüngigen Verführers im Moment wohl als ihre einzige Chance auf Rettung bezeichnen. Pure Ironie des Schicksals, wenn man bedachte, dass dieser Mann der Grund dafür war, dass es so weit gekommen war. Ob sie ihn durch ihre Kostümierung auf die falsche Fährte hatte locken können? Um kein Aufsehen zu erregen, hatte sie sich in einer unbeobachteten Minute als Junge verkleidet. Mit ihren achtzehn Jahren wirkte sie in Jungenkleidern beinahe wie ein zwölfjähriger Bengel.
Sie spürte das Medaillon an seiner Kette beruhigend warm auf ihrer Haut. Ohne eine Sekunde zu zögern, hatte sie alle ihre Besitztümer zurückgelassen. Bei dem einzigen, das für sie von Wert war, handelte es sich ohnehin um das Schmuckstück, das sie niemals ablegte. Es barg die letzte Verbindung zu ihrer Vergangenheit. Die einzige Brücke durch die Zeit zu ihren Eltern. Von ihnen war sie als Baby angeblich verstoßen worden. Ungewollt. Dieser Makel haftete an ihrer Seele, und ließ sie niemals vergessen, für wie überflüssig ihr Dasein gehalten wurde.
Ohne dass Erin das Medaillon unter dem kratzigen Leinenhemd hervorholen musste, konnte sie jedes Detail des Schmuckstückes vor ihren Augen entstehen lassen. Das goldene Oval wurde von einem Wappen geziert, das sie bislang noch nirgends gesehen hatte. Erin nahm an, dass es sich dabei um das Symbol des Clans handelte, bei dem ihre Familie lebte. Im Inneren des aufklappbaren Anhängers befanden sich zu Erins ständiger Enttäuschung keine Bildnisse ihrer Eltern. Der Hohlraum enthielt lediglich einen sorgfältig zusammengefalteten Zettel mit den Worten »Bitte sorgt für diese arme Waise«. Mit dem um ihre Händchen gewundenen Medaillon und der in die Decke gesteckten Nachricht war Erin als Baby von den Nonnen vor der Tür des alten Klosters gefunden worden. Sie hoffte, mit diesen Anhaltspunkten irgendwann Verwandte ausfindig machen zu können. Jemanden, dem sie sich zugehörig fühlen durfte. Jemanden, der sich um sie kümmerte. Jemanden, der sie künftig vor Schwierigkeiten wie den bewahren konnte, in die sie sich selbst gebracht hatte.
Ächzend schrak sie aus ihren Gedanken hoch. Sie hatte solchen Durst! Wenn sie doch an einer Wasserquelle vorbeigekommen wäre. Die Sonne brannte unbarmherzig auf sie nieder. Erin konnte sich kaum mehr im Sattel halten. Lichter tanzten hinter ihren Augenlidern, und die Welt um sie herum begann sich zu drehen. Schnell und immer schneller. Langsam erbarmte sich ihr Körper und ließ sie in tiefes Vergessen gleiten.

In sicherem Abstand verfolgte Liam MacNeal mit drei Männern die einsame Gestalt. Der Rest der Truppe hatte vermutlich in der Zwischenzeit ein Lager errichtet. Hoffte er zumindest bei dem Gedanken daran, dass er andernfalls noch eine Nacht direkt auf dem harten Boden verbringen müsste. Hölle!
Beinahe hätte Erin Liam mit ihrer Verkleidung in die Irre geführt, und er hätte ihre Spur verloren. Doch eine Strähne ihres einzigartigen, rotschimmernden Haares hatte unter der rasch aufgesetzten Mütze hervorgeblitzt. Um zu verhindern, dass sie panisch reagierte und damit das Pferd verschreckte, war er mit seinen Männern etwas zurückgeblieben. Denn inzwischen hatte er begonnen, sich Sorgen zu machen, dass ihr auf ihrer kopflosen Flucht etwas passieren könnte. Er befürchtete, sie könnte in Schwierigkeiten geraten, sonst wäre er ihr längst nicht mehr gefolgt. Wie es aussah, hatte er mit seinen Befürchtungen Recht behalten.
Als Erin ohnmächtig wurde, deutete Liam seinem Gefolge anzuhalten und ritt mit einem von ihnen auf Erin zu. Endlich erreichte er den leblosen Körper, der in der Zwischenzeit vom Pferd gestürzt war. Liam fluchte leise, als er Erin betrachtete. Diese wunderschöne, störrische Göre. Sie hätte vor ihm niemals solch große Angst haben müssen, dass sie glaubte, keinen Ausweg außer Flucht vor ihm zu haben. Dummerchen! Wie wenig sie ihn kannte! Er würde dafür Sorge tragen, dass sein schlechter Ruf nicht noch mehr potenzielle Eroberungen verschreckte. Es war seiner körperlichen Gesundheit abträglich, wenn er zu lange auf weibliche Gesellschaft verzichten musste.
Liam lächelte, während er abstieg, um sich zu ihr zu beugen. Dieses feurige Wesen stellte eine besondere Herausforderung dar. Vielleicht sollte er trotz allem, was zwischen ihnen bereits schief gelaufen war, versuchen, sich mit Erin anzufreunden. Er könnte es als ersten Schritt zu ihrer Eroberung testen.
Rasch suchte er Erins Arme und Beine nach Wunden ab. Sie hatte sich scheinbar nichts gebrochen. Blieb nur zu hoffen, dass sie keine unsichtbaren Verletzungen bei ihrem Sturz davongetragen hatte. Plötzlich entdeckte er eine Stelle an ihrem Hinterkopf, die leicht blutete. Wenn sie nur keine innere Kopfverletzung erlitten hatte! Das würde er erst ausschließen können, wenn sie wieder zu Bewusstsein kam.
Er bat seinen Freund Walter ihm zu helfen, Erin vorsichtig auf Liams Pferd zu hieven, sodass er hinter ihr Platz nehmen konnte. Die Zügel von Erins Stute nahm Walter in die Hand. Sie ritten gemeinsam mit den zwei anderen Männern zum Rest der Truppe zurück. Erleichtert konnte Liam feststellen, dass bereits provisorisch ein Lager errichtet worden war. Liams Zelt stand in der Mitte der übrigen Unterkünfte, und Liam brachte Erin in die kühle Dämmerung unter dem Leinen. Dort legte er sie vorerst auf mehrere Lagen Felle.
Mit seinen eigenen Händen füllte Liam zwei Matratzen mit Stroh und Moos. Er platzierte sie in zwei gegenüberliegenden Ecken. Wenn Erin aufwachte, beabsichtigte er an ihrer Seite zu sein. Liam hegte die Befürchtung, dass sie, würde sie nachts wieder das Bewusstsein erlangen und ihn erkennen, sofort die Flucht ergreifen würde. Das konnte er ihr nicht einmal verübeln. Sie glaubte allen Grund zu haben, ihn zu hassen.
Er flößte Erin behutsam etwas Flüssigkeit ein. Anschließend wusch er ihr Gesicht mit einem feuchten, kühlen Lappen ab. Währenddessen bewunderte er ihre makellose Schönheit. Schon oft hatte er sich gefragt, warum sie nicht verheiratet war. Es gab viele Männer, die zu arm waren, um Frauen höherer Gesellschaftsschichten um ihre Hand zu bitten. Manche suchten sich ihre Frauen in Waisenhäusern.
Vielleicht hatte sie so abwehrend auf seine Annäherungsversuche reagiert, weil zuvor eine Verbindung mit einem Mann misslungen war. War sie von einem Lüstling ausgenutzt und ins Waisenhaus abgeschoben worden? Es schien schwer vorstellbar, dass diese Frau mit der scharfen Zunge auf einen Charmeur hereingefallen sein könnte. Aber ihr Leben hatte Liam neugierig gemacht. Er würde hinter ihr Geheimnis kommen.
Mit einem Seufzen rief er nach Walter, denn er wagte nicht, Erin aus den Augen zu lassen. Als sein Freund nach einer halben Minute noch nicht da war, brüllte Liam neuerlich: »Walter, wo zum Teufel bleibst du?! Verdammt, Walter!«
»Ich bin ja schon da«, antwortete dieser beim Betreten des Zeltes außer Atem.
Walter versuchte einen kurzen Blick auf Erin zu erhaschen. Es war ihm anzusehen, dass er sich mehr für sie interessierte als für Liams ärgerliches Gesicht. Bestimmt würde er draußen von der Situation in Liams Zelt Bericht erstatten.
Schließlich musste sich Liam zwischen Walter und Erins Bett stellen, um die Aufmerksamkeit seines Freundes zu erlangen.
»Ich möchte, dass du nach Sigleß reitest, um Unterlagen über die Dinge, die in meiner Abwesenheit angefallen sind und die ich hier erledigen kann, zu holen.«
Walter wirkte, als zweifle er an Liams Verstand. »Was? Aber das geht doch nicht!«
»Ich kann die Arbeit auf Sigleß nicht unbeaufsichtigt lassen«, meinte Liam ungeduldig.
»Wir werden hoffentlich nicht so lange von zuhause wegbleiben, dass sich dieser Aufwand lohnt«, widersprach Walter neuerlich. »Du hast erst gestern gesagt, dass wir in höchstens einer Woche zurück sein werden.«
»Dann habe ich meine Pläne eben geändert. Und jetzt mach, dass du fortkommst, und tu was ich dir gesagt habe!«
Walter zog die Augenbrauen zusammen. »Aye, aye. Ich gehe schon.«
»Ach, und bring Garrick von Sigleß her. Vielleicht kann er unseren Aufenthalt hier für Kampfübung nutzen.«
Walter nickte mit gerunzelter Stirn und verließ das Zelt.
Liam blickte ihm einen Moment nach, dann wandte er sich wieder Erin zu. Es würde dauern, bis er die Unterlagen von seinem Wohnsitz zum Bearbeiten bekam. Jetzt hatte er erst einmal genug damit zu tun, sich um Erin zu kümmern. Bevor sie nicht bei Bewusstsein und vollständig gesundet war, konnte er sie nicht allein lassen.

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